Hintergrund: Was Papst Benedikt XVI. wirklich sagte

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Artikelstatus: Fertig 13:46, 17. Sep. 2006 (CEST)
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Berlin (Deutschland), 17.09.2006 – Eine Äußerung von Papst Benedikt XVI. hat in der islamischen Welt eine Protestwelle hervorgerufen. Wir fassen zusammen, was der Papst in seiner Ansprache „Glaube, Vernunft und Universität – Erinnerungen und Reflexionen“ in der Aula der Universität Regensburg am Dienstag, den 12. September 2006 wirklich gesagt hat.

In seiner von ihm selbst als „Vorlesung“ bezeichneten Rede vor Vertretern aus dem Bereich der Wissenschaften ging Benedikt XVI. von seinen Erfahrungen an der Bonner Universität Ende der 1950er Jahre aus. Er betonte die vielfältigen Dialoge und Kontakte zwischen den verschiedenen Fakultäten in jener Zeit und erinnerte an die damals durchgängig erlebbare Erfahrung, „dass wir in allen Spezialisierungen, die uns manchmal sprachlos füreinander machen, doch ein Ganzes bilden und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen“. Er führte weiter aus, die Universität sei damals stolz auf ihre beiden theologischen Fakultäten gewesen (die evangelische und die katholische), habe man sich doch um die Zuordnung des Glaubens „zur gemeinsamen Vernunft“ gemüht. Selbst als einmal verlautet sei, beide Fakultäten befassten sich mit etwas, das es gar nicht gäbe, nämlich Gott, habe dies „den inneren Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft“ nicht gestört. Es sei unbestritten gewesen, dass es „auch solch radikaler Skepsis gegenüber notwendig und vernünftig“ bleibe, „mit der Vernunft nach Gott zu fragen“.

Damit formulierte Benedikt XVI. das Thema, um das es ihm in seiner Ansprache ging – das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Es folgen die Passagen, die Anlass für den Protest aus der islamischen Welt sind. Papst Benedikt sagte, all dies sei ihm „wieder in den Sinn gekommen“, als er „kürzlich den von Professor Theodore Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs gelesen habe, „den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte“. Der Kaiser habe diesen Dialog vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 aufgezeichnet. So verstehe man auch, dass seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben seien als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstrecke sich „über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges“ und kreise „besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder (…) um das Verhältnis der (…) ‚drei Lebensordnungen‘: Altes Testament – Neues Testament – Koran“. Dies umfassende Thema wolle er jedoch nicht behandeln, so Benedikt XVI., sondern „nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren“, der ihn „im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert“ habe und ihm „als Ausgangspunkt“ für seine Überlegungen zu diesem Thema diene.

In der siebten Gesprächsrunde beziehungsweise Kontroverse komme „der Kaiser auf das Thema des Djiha-d, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wusste sicher, dass in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ‚Schriftbesitzern‘ und ‚Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: ‚Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten‘. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ‚Gott hat kein Gefallen am Blut‘, sagt er, ‚und nicht vernunftgemäß, nicht ‚σὺν λόγω‘ zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…‘.“

Soweit das wörtliche Zitat aus der Ansprache des Papstes – seinerseits ein Zitat aus einem mittelalterlichen Dialog zwischen einem byzantinischen Kaiser und einem persischen Gelehrten. Papst Benedikt verwendet dies Zitat als Ausgangspunkt seiner nun folgenden eingehenden Reflexionen über verschiedene theologische Vorstellungen zum Verhältnis von Glauben und Vernunft und zum Wesen Gottes.

Er fährt fort, der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt laute: „Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ Der Herausgeber des mittelalterlichen Dialogs, Professor Theodore Khoury, kommentiere dazu: „Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die der Vernünftigkeit.“ Khoury zitiere dazu eine Arbeit des französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweise, „dass Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, dass Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und dass nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er (Gott) es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben“.

Papst Benedikt betont, an dieser Stelle tue sich „ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln, dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?“ Er denke, fährt er fort, an dieser Stelle werde „der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar“.

Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, habe Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: „Im Anfang war der Logos.“ Dies sei genau das Wort, das der Kaiser im zuvor zitierten mittelalterlichen Dialog mit dem Perser gebrauche: „Gott handelt ‚σὺν λόγω‘, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.“

Den nun folgenden Hauptteil seiner theologischen Vorlesung widmet Benedikt XVI. dem Verhältnis der Bibel zu griechischem beziehungsweise hellenischem Gedankengut. Zutiefst gehe es dabei um die Begegnung zwischen Glaube und Vernunft, zwischen rechter Aufklärung und Religion. Der byzantinische Kaiser Manuel II. habe „wirklich aus dem inneren Wesen des christlichen Glaubens heraus und zugleich aus dem Wesen des Griechischen, das sich mit dem Glauben verschmolzen hatte, sagen können: Nicht ‚mit dem Logos‘ handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“.

Zwar hätten sich im Spätmittelalter Tendenzen der christlichen Theologie entwickelt, die diese „Synthese von Griechischem und Christlichem aufsprengen“ wollten. Bei Duns Scotus habe eine Position des Voluntarismus begonnen, die die Vorstellung vertreten habe, es gebe „die Freiheit Gottes, kraft derer er auch das Gegenteil von allem, was er getan hat, hätte machen und tun können. Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazm durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist“. Solche theologischen Vorstellungen übersteigerten jedoch „die Transzendenz und die Andersheit Gottes (…) so weit (…), dass dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben“. Demgegenüber habe der kirchliche Glaube immer daran festgehalten, dass es „zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie“ gebe. Gott werde nicht göttlicher dadurch, „dass wir ihn in einen reinen und undurchschaubaren Voluntarismus entrücken, sondern der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat“. Zwar übersteige, wie Paulus gesagt habe, die Liebe die Erkenntnis und vermöge daher mehr wahrzunehmen als das bloße Denken, aber sie bleibe „doch Liebe des Gottes-Logos“, weshalb christlicher Gottesdienst immer im Einklang mit unserer Vernunft stehe.

Dieses Aufeinanderzugehen von biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen sei „ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang“, der uns auch heute in die Pflicht nehme. Wenn man diese Begegnung sehe, sei es „nicht verwunderlich, dass das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden“ habe. „Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.“

Der These, dass das kritisch gereinigte griechische Erbe wesentlich zum christlichen Glauben gehöre, stehe die Forderung nach „Enthellenisierung des Christentums“ entgegen, die seit dem Beginn der Neuzeit wachsend das theologische Ringen beherrsche. Im weiteren Verlauf seiner Vorlesung beschreibt Papst Benedikt XVI. nun ausführlich „drei Wellen des Enthellenisierungsprogrammes“ in der Geschichte der christlichen Theologie: Die erste Welle sei mit der Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft, die zweite Welle mit der liberalen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts, und die dritte Enthellenisierungswelle gehe zur Zeit um.

Am Ende seiner Ausführungen betont Papst Benedikt, die „Selbstkritik der modernen Vernunft“ schließe „ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden“. Das Große der modernen Geistesentwicklung werde „ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden.“ Das Ethos der Wissenschaftlichkeit sei „Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört“. Es gehe nicht um Rücknahme, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs. „Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen, und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können. Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.“ Nur so würden wir „zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen“.

Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie sei „das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre“. Der Westen sei seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht und könne damit einen großen Schaden erleiden. „Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt“, so Benedikt XVI. am Schluss seiner Ansprache. „‚Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider‘, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein.“

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Quellen