Cyberwar um Wikileaks geht weiter

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Veröffentlicht: 21:35, 12. Dez. 2010 (CET)
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London (Vereinigtes Königreich), 12.12.2010 – Nachdem in den vergangenen Tagen Hacker die Websites der Schweizer Postfinance und von Mastercard lahmgelegt hatten, führte die sich als „Anonymous“ bezeichnende Hackergruppe am Donnerstag auch Denial-of-Service-Attacken auf Visa sowie die Staatsanwaltschaft in Stockholm und den Anwalt der beiden schwedischen Frauen aus, die Julian Assange, dem Gründer von Wikileaks sexuelle Nötigung vorwerfen. Nachdem es den Hackern gelungen war, die Website von Mastercard zum Absturz zu bringen, hatten sie ihre Aktion gegen Visa angekündigt. Diese war am Mittwoch, dem 8. Dezember und am frühen Donnerstagmorgen nicht erreichbar. Solche DoS-Attacken sind in den meisten Staaten rechtswidrig. In den Niederlanden wurde inzwischen ein 16-Jähriger, der sich an den Attacken beteiligte, verhaftet. Der Teenager soll nach Polizeiangaben die Tat gestanden haben.

Pikant ist die Blockierung von Spendenzahlungen an den Datendienstleister Datacell, der für Wikileaks gespendetes Geld weiterleitet, durch die Finanzdienstleister Mastercard und Visa wegen der in Twitter verbreiteten Ankündung, Wikileaks werde in Kürze US-Botschaftsdokumente veröffentlichen, aus denen hervorgehe, wie die amerikanische Botschaft Anfang 2009 zugunsten dieser beiden Kreditkartenorganisationen gegen ein geplantes russisches Finanzmarktgesetz interveniert haben soll. In dem Schreiben heiße es, die Obama-Administration solle die russische Regierung dazu bringen, „den Text des Entwurfs zu ändern, um sicherzustellen, dass US-Finanzdienstleister nicht darunter leiden“. Datacell, ein schweizerisch-isländisches Unternehmen, hat inzwischen eine Klage gegen Visa und Mastercard angekündigt.

Ein Aktivist von „Anonymous“, der unter dem Namen Coldblood auftrat, jedoch nicht offiziell für die Hackergruppe sprach, sagte gegenüber der British Broadcasting Corporation (BBC), „wir meinen, dass es bei Wikileaks um mehr geht, als um das Veröffentlichen von Dokumenten, es wurde zu einem Kriegsschauplatz, zwischen dem Volk und der Regierung“. „Anonymous“ war 2008 durch Aktionen gegen Scientology erstmals aufgefallen. Die Hacker organisieren sich über Twitter und Facebook. Twitter hat den Account der Gruppe in der Nacht zum 9. Dezember ohne Angabe von Gründen geschlossen. Die BBC will herausgefunden haben, dass die letzte veröffentlichte Mitteilung ein Link zu einer Liste mit Mastercard-Kundendaten gewesen sei. Diese Liste hat sich Medienangaben zufolge inzwischen als gefälscht erwiesen.

Der Informationstechnologieexperte Paul Mutton vom Sicherheitsunternehmen Netcraft sagte, dass die Attacke gegen Visa etwa fünfmal soviele Teilnehmer erfordert habe, um die Website zum Stillstand zu bringen. Mastercard hat inzwischen bestätigt, dass Mastercards SecureCode, ein System, das zur sicheren Übermittlung von Transaktionsdaten verwendet wird, zeitweise gestört war. Zahlreiche Mastercard-Kunden hatten Probleme, ihre Kreditkarten einzusetzen, auch Onlinezahlungen waren zeitweise betroffen. Nach Mastercard-Angaben waren jedoch zu keiner Zeit Kundendaten gefährdet.

Ebenfalls ein Ziel der Aktivisten war das Unternehmen Paypal, das den bargeldlosen Zahlungsverkehr im Internet anbietet. Paypal hatte den Account von Wikileaks Ende der vergangenen Woche gesperrt. Osama Bedier von Paypal begründete den Schritt während der Konferenz Le Web in Paris mit dem Schreiben des US-Außenministeriums an Wikileaks vom 27. November, in dem die Aktivitäten der Whistleblower-Website in den Vereinigten Staaten für illegal beurteilt wurden. „Und als ein Ergebnis davon musste unsere Richtlinienabteilung über die Suspendierung deren Accounts entscheiden“, so Bedier.

Das US-Verteidigungsministerium wollte keine Angaben zu Berichten machen, nach denen es hinter DoS-Attacken auf Wikileaks stehe. Man wisse nicht, was die technischen Probleme bei Wikileaks verursacht habe, teilte ein Pressesprecher mit. Nach dem ein US-Provider die Internetadresse Wikileaks.org gesperrt hat, wird die Website von Wikileaks inzwischen unter mehr als tausend verschiedenen Adressen im Web gespiegelt.

Der Rechtsexperte der Bundestagsfraktion der Liberalen, Christian Ahrendt, kritisierte die Vereinigten Staaten wegen der „massiven Angriffe auf die Pressefreiheit“. Nach seinen Worten, die er gegenüber der Financial Times Deutschland äußerte, sei es „falsch, Wikileaks mundtot zu machen“. Auch der australische Außenminister Kevin Rudd griff die Vereinigten Staaten an. Das US-Außenministerium sei durch mangelhafte Geheimhaltungsmaßnahmen selbst für das Bekanntwerden der Botschaftsdepeschen verantwortlich.

Attackiert wurde auch die Website der US-Politikerin Sarah Palin. Diese hatte Assange als „anti-amerikanischen Agent, der Blut an den Händen hat“ bezeichnet und gefordert, ihn zu bekämpfen wie die Taliban. Zunehmend lebhafter wird inzwischen in den Vereinigten Staaten die Diskussion über ein rechtliches Vorgehen gegen Wikileaks und seine Informanten. Der Republikaner Mike Huckabee, der ehemalige Gouverneur von Arkansas, der sich bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2008 nicht gegen seinen Konkurrenten John McCain hat durchsetzen können, forderte, dass Informanten für Wikileaks hingerichtet werden sollen. Doch dürfte es recht schwierig sein, Wikileaks-Gründer Assange anklagen zu können.

Eine Anklage nach dem Anti-Spionage-Gesetz setzt eine Beteiligung des Australiers beim Diebstahl der Daten voraus. Die New York Times, die parallel zu Spiegel, The Guardian, Le Monde und El Pais an der Publikation der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente beteiligt ist, stellte fest, dass es in der Geschichte der Vereinigten Staaten noch nicht zur Anklage und Verurteilung eines Journalisten gekommen ist, der ihm übergebenes, klassifiziertes Material veröffentlichte. Der unabhängige Senator Joseph Lieberman, auf dessen Initiative der Rauswurf der Wikileaks-Website von den Amazon-Servern zurückgehen soll, warf der angesehenen Zeitung deswegen einen „Akt schlechter Staatsbürgerschaft“ vor.

Für die Washington Post erscheint es zweifelhaft, dass es zu einer späteren Auslieferung Assanges an die Vereinigten Staaten komme, falls dieser aufgrund des internationalen Haftbefehls vom Vereinigten Königreich an Schweden ausgeliefert werde. Das schwedisch-amerikanische Auslieferungsabkommen sehe keine Auslieferung bei Straftaten mit politischem Hintergrund vor, außerdem sei es in Schweden einfach, politisches Asyl zu erlangen.

Der Anwalt von Julian Assange versicherte der Nachrichtenagentur Reuters, dass sein Mandant keine Anweisungen gegeben habe, Websites von Organisationen und Personen, die gegen ihn und Wikileaks Maßnahmen ergriffen haben, zu attackieren. „Natürlich ist es einfach zu glauben, dass es eine Verbindung zu Wikileaks gibt, aber wir können das nicht bestätigen“, zitierte die Nachrichtenagentur einen Juristen der schwedischen Justizbehörde. Dieser wies auch Vorwürfe zurück, die schwedische Staatsanwaltschaft beteilige sich an einer Intrige des US-Geheimdienstes zur Diskreditierung Assanges.

Der Australier stellte sich am 6. Dezember in London der Polizei, die ihn in Gewahrsam nahm, und wartet nun die Entscheidung ab, ob er an Schweden ausgeliefert wird. Die zuständige schwedische Staatsanwaltschaft hatte Assange über Interpol zur Fahndung ausschreiben lassen. Beim Haftprüfungstermin lehnte der Richter eine Freilassung auf Kaution ab. Nach einer Erklärung von Assanges Anwalt Mark Stephens liegt gegen Assange bisher keine Anklage vor, er solle lediglich zu einigen Vorwürfen vernommen werden. Dabei gehe es laut Stephens um einen „Streit über einvernehmlichen, aber ungeschützten Geschlechtsverkehr“. Den Angaben zweier Schwedinnen zufolge soll Assange mehrfach von ihnen ungeschützten Sex verlangt haben. Den Geschlechtsverkehr soll er außerdem erzwungen haben. Laut Medienberichten wären die beiden Schwedinnen mit geschütztem Sexualverkehr einverstanden gewesen.

„Anonymous“ hat inzwischen bekannt gegeben, die Attacken einzustellen. Man wolle sich jedoch an der Verbreitung von Botschaftsdepeschen beteiligen. Das geht aus einer Erklärung hervor, die in der Nacht zum 11. Dezember im Internet bekannt gemacht wurde.

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Quellen