Atomalarm in Japan – Explosionen im Kernkraftwerk Fukushima I

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Veröffentlicht: 23:53, 14. Mär. 2011 (CET)
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KKW Fukushima vor der Explosion

Tōkyō (Japan), 14.03.2011 – Das infolge des Seebebens nordöstlich von Tōkyō mit der inzwischen von der USGS nach oben korrigierten Magnitude von 9,0 am Freitag beschädigte Kernkraftwerk Fukushima I in Ōkuma ist offenbar außer Kontrolle geraten. Das Reaktorgebäude von Block 1 wurde am Samstag durch eine Explosion schwer beschädigt, ebenso das von Block 2 am Montag. Die Regierung sprach von einer „nie dagewesenen Katastrophe“. Die japanische Regierung hat allerdings Gerüchte über eine Kernschmelze in dem Kernkraftwerk dementiert. Die Atomaufsichtbehörde geht von der Gefahr einer Kernschmelze aus. Regierungssprecher Edano stellte klar, man wisse nicht, ob es dazu gekommen sei. Da der Prozess im Innersten des Reaktors ablaufe, könne man nicht in ihn hineinsehen, ergänzte er.

Bei einer Explosion in dem Reaktorgebäude wurde die Außenhülle des Reaktors weggesprengt, berichtete der Fernsehsender NHK am Samstag. Unklar ist noch, ob nur der Turbinen-Bereich oder auch der eigentliche Reaktor von der Explosion betroffen war. Wie viel Radioaktivität dabei ausgetreten ist, ist zurzeit ebenfalls noch nicht klar. Nach Aussagen der Behörde für Nuklear- und Industriesicherheit seien in der Nähe des Kernkraftwerkes radioaktives Cäsium-137 und Jod gemessen worden.

Nachdem das Seebeben am Freitag zur automatischen Schnellabschaltung von 12 Reaktorblöcken an der japanischen Ostküste führte, sprangen die Notstromversorgungen von neun Blöcken ordnungsgemäß an. Die Notstromaggregate versorgen die Kühlsysteme mit Strom, damit der Reaktor bis zum Abklingen der Kettenreaktion gekühlt wird. In drei zum Zeitpunkt des Seebebens aktiven Blöcken fiel jedoch die Notstromversorgung aus. Durch das Erhitzen des Kühlwassers zu Wasserdampf entsteht ein Überdruck, der zunächst das anderthalbfache des Normalen betragen haben soll. Der japanische Premierminister rief daraufhin am Freitag den atomaren Notstand für Japan aus. Als Lösung des 1,5-fachen Überdrucks in einem der Behälter wollten die japanischen Ingenieure leicht radioaktiven Dampf ablassen, um so den Druck zu reduzieren. Bei dem sogenannten Venting bestehe nach Aussagen von Kabinettssekretär Yukio Edano keine erhebliche Gefahr für die Menschen und die Umgebung. So erklärte er, dass nur eine „sehr geringe“ Menge an Radioaktivität austreten würde und es im Zusammenhang mit der bereits erfolgten und laufenden Evakuierung von 3.000 Anwohnern sowie der momentanen Windrichtung zum Meer zu keiner nennenswerten Belastung komme. Dabei „können wir Sicherheit garantieren“, sagte Edano auf einer Pressekonferenz. Anfangs war aus dem Reaktor noch keine Radioaktivität ausgetreten, mittlerweile wurde radioaktives Cäsium-137 nachgewiesen. Die Sicherheitszone um den Reaktor sei auf einen 10-Kilometer-Radius ausgeweitet worden.

Am Freitag 23.30 MEZ vermeldete die Financial Times Deutschland unter Berufung auf die japanische Nachrichtenagentur Kyodo, dass die Radioaktivität im Kontrollraum von Fukushima I auf das 1000fache des Normalwerts gestiegen sei. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo auf Berufung des Betreibers Tepco sind bei der durch den immensen Druck ausgelösten Explosion vier Menschen verletzt worden. Das Dach des Reaktorgebäudes und einige Außenmauern seien eingestürzt. Die Kernschmelze stehe unmittelbar bevor, hieß es in den Berichten weiter. Zwischenzeitlich wurde bekannt, dass es zu einer möglichen Folgeexplosion im Block 1 des Kraftwerk-Komplexes kommen könnte.

Am Sonntag 03:35 MEZ wurde über die Tagesschau verlautbart, dass seit 05:30 Uhr Ortszeit (13:30 MEZ) im Reaktor 3 der Anlage die Kühlung aufgehört habe und es dadurch möglicherweise zu einer „geringen Kernschmelze“ gekommen sei. Außerdem wurde klargestellt, dass die Regierung die Kernschmelze des Reaktors 1 nicht mehr kategorisch ausschließe. Bei dem Unfall des Reaktors 3 der Anlage und in dessen Folge sind insgesamt 22 Menschen verstrahlt worden, über den Gesundheitszustand der Betroffenen ist nichts näheres bekannt. Atomexperten in der benachbarten nordöstlichen Provinz Miyagi haben laut Nachrichtenagentur Kyodo, welche sich auf die Angaben der Betreibergesellschaft Tohoku beruft, eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Dies beziehe sich nicht auf die Reaktoren in der Region, sondern sei eine Folge der havarierten Atommeiler von Fukushima. Aus dem 20-Kilometer-Radius um Fukushima I (Warnstufe 4: Unfall) seien letztlich 170.000 Menschen evakuiert worden, und im 10-Kilometer-Radius um das Fukushima II (Warnstufe 2: Leck im Kreislauf) seien 30.000 Evakuierungen zu vermelden. Die Evakuierungen seien noch in vollem Gange. Unterdessen ist das Technische Hilfswerk (THW) vor Ort angekommen. Mittlerweile sind auch am Reaktor 2 des Kernkraftwerks Tōkai an der Ostküste im Süden des Landes nahe Fukushima durch Ausfall des Kühlsystems erhebliche Probleme entstanden. Das Kernkraftwerk Onagawa, welches nach einem inzwischen gelöschten Brand ausgefallen war, meldete dagegen nur noch Warnstufe 1 (Vorläufige Entwarnung) - die Werte seien hier wieder normal.

Am Sonntag 05:00 Uhr (MEZ) ist es zu einer weiteren Wasserstoffexplosion im Atommeiler 3 innerhalb des Kernkraftwerks Fukushima I gekommen, der eine dritte am Montag 3:01 Uhr (MEZ) folgte. Plutonium-239 und Uran-235 wurden freigesetzt. Die Intensität der ersten Wasserstoffexplosion des Reaktors sei mit der vom Samstag vergleichbar, als das Dach des Meilers 1 abgesprengt wurde. Die zweite Explosion des Reaktors zerstörte teilweise die Außenwände. Inzwischen wurde eine Radioaktivität von 10,65 Mikrosievert bestätigt. Die Anwohner sollten innerhalb des 20-Kilometer-Radius nicht ins Freie kommen. Hervorgerufen wurde die Explosion wahrscheinlich durch ein starkes Nachbeben der Stärke 6.2 auf der Momenten-Magnitude-Skala, welches möglicherweise neue Schäden an dem schon vorher beschädigten Reaktor hinterlassen hat. Ein zuvor ausgelöster Tsunami-Alarm wurde inzwischen wieder aufgehoben. Nun meldet auch der Meiler 2 innerhalb des Kraftwerks Probleme: Das Kühlsystem sei laut Betreiber Tepco zusammengebrochen, in einer von der Nachrichtenagentur Jiji verbreiteten Meldung ist von „mehreren Explosionen“ innerhalb des Kraftwerks die Rede, welche Reaktor 3 betreffen und Wasserstoffexplosionen waren, welche das Gebäude 2 teilweise beschädigten. Konkretisiert wurden die Meldungen durch eine Explosion am Montag um 05:05 Uhr (MEZ), bei der elf Arbeiter verletzt worden sind und um 09:01 Uhr (MEZ) wurde die Zerstörung des Reaktorgebäudes 3 gemeldet.

In den Medien wird die Informationspolitik der Tokioter Regierung scharf kritisiert und stößt zunehmend auf Unverständnis. Die Regierung sei mit diesen Szenarien völlig überfordert, wird gemutmaßt. Gesichert ist hingegen die Erkenntnis, dass die Regierung den Betreiber Tepco angewiesen hat, punktuell zu festgelegten Zeiten den Strom in den Präfekturen und Stadtteilen kontrolliert abzustellen, um einem unkontrollierten Totalausfall vorzubeugen. Wegen des Bebens, Tsunamis und der Atomunfälle hat die deutsche Wirtschaft einige Niederlassungen ihrer Unternehmen zumindest vorübergehend geschlossen und ihre Mitarbeiter abberufen. Angesichts der Evakuierungen, die nach Untersuchungen mit Dekontaminationszügen durch zahlreiche Hilfsorganisationen durchgeführt worden sind, und aufgrund befürchteter neuer Erdstöße wurden über den Tag zahlreiche Notunterkünfte in Großzelten eingerichtet, die nun völlig ausgelastet seien. Auch hier wurde die Salami-Politik hinsichtlich Informationen kritisiert, wobei sich die Vorwürfe aber ausnahmslos gegen den Betreiber Tepco richteten. Die Evakuierten und Umwelt-Flüchtlinge könnten auf absehbare Zeit nicht in ihre Häuser zurückkehren, heißt es weiter.

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Quellen