Mindestens 155 Tote nach israelischem Luftangriff auf Ziele im Gazastreifen

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Veröffentlicht: 17:42, 27. Dez. 2008 (CET)
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Lage des Gazastreifens

Gaza-Stadt (Gazastreifen), 27.12.2008 – Nach einem unangekündigten Angriff der israelischen Luftwaffe auf Ziele im Gazastreifen gegen 11:30 Uhr (Ortszeit) starben nach palästinensischen Angaben mindestens 155 Menschen, außerdem sollen mehr als 200 Menschen verletzt worden sein. Von israelischer Seite wurde der Angriff bestätigt. Ziele des Angriffs waren nach Angaben eines israelischen Armeesprechers Waffenarsenale, Ausbildungslager, Regierungsbüros und Kommandozentralen sowie das Polizeihauptquartier in Gaza-Stadt der Hamas. Dabei sollen nach Angaben der israelischen Zeitung Haaretz etwa 100 Bomben abgeworfen worden sein. Die Hamas beziffert die Zahl ihrer getöteten Mitglieder mit 40.

Nach einer ersten Angriffswelle mit zirka 60 Kampfflugzeugen, die gleichzeitig etwa 50 verschiedene Ziele angriffen, folgte nach israelischen Angaben eine zweite Staffel mit etwa 20 Kampfflugzeugen, die rund 50 Raketenstellungen der Hamas zerstörten.

Der heutige Angriff der israelischen Luftwaffe beendet ein Ultimatum der israelischen Seite an die Hamas, in dem für den Fall mit einem Militärschlag gedroht worden war, dass die Hamas ihre seit Tagen vorgetragenen Raketenangriffe und Angriffe mit Mörsergranaten auf Ziele in Israel fortsetzen würde. Am 26. Dezember war ein Raketenangriff von palästinensischem Gebiet gemeldet worden, der ein Ziel in Israel erreichen sollte, jedoch noch auf palästinensischem Gebiet in einem Haus in Bait Lahiya im nördlichen Gaza-Streifen einschlug. Bei der Explosion des Raketensprengsatzes sollen zwei Mädchen im Alter von fünf und 13 Jahren getötet worden sein. Seit dem 19. Dezember, als die Hamas einseitig den seit sechs Monaten geltenden Waffenstillstand mit Israel aufgekündigt hatte, war der Süden Israels von Raketen mehrfach aus dem Gazastreifen angegriffen worden. Zuletzt hatte am Samstagmorgen eine Rakete den Kibbuz Schaar Hanegev getroffen; dabei war jedoch nur Sachschaden entstanden. Trotz der Angriffe hatte Israel noch am Freitag Hilfslieferungen in die Palästinensergebiete zugelassen. Eine Neubewertung der Situation in der Region und eine Entscheidung zu einem möglichen militärischen Vorgehen Israels war erst für Sonntag erwartet worden. Dann sollte das israelische Sicherheitskabinett zusammentreten. Wie der israelische Armeesprecher Avi Benjahu in einer Stellungnahme im Armeerundfunk heute mitteilte, sei der Angriff auf Beschluss des Regierungskabinetts erfolgt. Haaretz meldet unter Berufung auf eine Stellungnahme des Büros des israelischen Ministerpräsidenten, das Sicherheitskabinett habe bereits am Mittwoch einen entsprechenden Beschluss gefasst. Die Dauer der weiteren Offensive gegen die Hamas sei noch nicht abzusehen. Vor dem heutigen Luftangriff hatte Präsident Schimon Peres eine Bodenoffensive mit den Worten ausgeschlossen: „Es wird keinen Krieg geben. Wir werden nicht in Gaza einmarschieren.“ Die israelische Außenministerin Zipi Livni sprach die Warnung aus, Israel werde der Herrschaft der Hamas im Gazastreifen ein Ende setzen.

Das Szenario mit der angeblich für Sonntag geplanten Entscheidung des Sicherheitskabinetts sowie die zeitweilige Grenzöffnung am Freitag wird von Haaretz als Teil eines Plans interpretiert, die Hamas in einem trügerischen Sicherheitsgefühl zu wiegen, das den Boden für einen effektiv vorgetragenen Angriff der israelischen Luftwaffe bereiten sollte.

Eine Ausweitung des Konflikts zwischen Israel und der Hamas, die im Gazastreifen die Macht ausübt, hätte vermutlich weitreichende Konsequenzen für die Stabilität arabischer Regierungen im Nahen Osten. Auf der einen Seite steht der Iran, der die Hamas mit Militärausrüstungen und Geld unterstützt. Der Iran erhofft sich von dieser Allianz eine Ausweitung seines Einflusses in der Region. Die arabischen Regierungen Ägyptens und Jordaniens sähen sich im Falle einer militärischen Eskalation mit wachsendem Druck seitens der in ihren Ländern lebenden palästinensischen Bevölkerungsgruppen konfrontiert. Die Hamas ist politisch mit der in Ägypten agierenden Moslembrüderschaft eng verbunden, die die dortige Regierung als ihren schärfsten Widersacher ansieht. Ägypten steht ohnehin in der Kritik seitens der Palästinenser, da es die Grenzen zum Gazastreifen auf ägyptischer Seite absichert und eine Flüchtlingsbewegung vom Gazastreifen nach Ägypten so unterbindet. Die Versorgungslage im Gazastreifen ist seit der Machtübernahme der Hamas im Januar 2006 durch das harte Grenzregime Israels äußerst angespannt. Die Strom- und Wasserversorgung ist häufig unterbrochen.

Die Hamas tritt für die gewaltsame Beseitigung des Staates Israel ein und strebt die Errichtung eines palästinensischen Staates auf dem Gebiet Israels an. Friedensverhandlungen lehnt die Hamas daher ab. Die Vereinigten Staaten und – seit der gewaltsamen Vertreibung der Fatah-Bewegung des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, aus dem Gaza-Streifen – auch die Europäischen Union stufen die Hamas als „Terrororganisation“ ein. Seit Februar 2002 setzt die Hamas Raketen gegen Israel ein. Dabei handelt es sich um relativ einfach konstruierte, etwa zwei Meter lange Geschosse mit einer Reichweite von 15 bis 20 Kilometern. Trotz ihrer geringen Zielgenauigkeit richteten die Raketen wiederholt beträchtliche Schäden in israelischen Siedlungen und auch in städtischen Zentren im Süden des Landes an. Noch gefährlicher sind die seit einiger Zeit von palästinensischen Kämpfern in die besetzten Gebiete geschmuggelten Raketen sowjetischer Bauart vom Typ „Grad“ (russ. Hagel) mit einer Baulänge von etwa drei Metern und höherer Reichweite. Nach israelischen Angaben bedrohen diese neueren Raketen weitere 120.000 Menschen im Süden Israels. Bisher wurden jedoch erst wenige Raketen dieses Typs auf Israel abgefeuert.

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Quellen