Kaiserslautern: Abstieg eines Vereins und einer Stadt

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Veröffentlicht: 20:55, 30. Apr. 2018 (CEST)
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Denkmal für die Kaiserslauterer Spieler der WM-Mannschaft von 1954

Kaiserslautern (Deutschland), 30.04.2018 – Der Niedergang war schon seit längerem abzusehen und doch gab man in Kaiserslautern bis zuletzt die Hoffnung nicht auf. Doch nun gibt es keinen Weg zurück: Die Roten Teufel vom Betzenberg, wie sich der 1. FCK selbst nennt, spielen erstmals in ihrer 118jährigen Geschichte nicht mehr in der Fußball-Bundesliga. Genau 20 Jahre nach ihrem letzten Gewinn des Meistertitels und 13 Jahre nach dem zweiten Abstieg in die 2. Liga droht nun der endgültige Abstieg in die fußballerische Bedeutungslosigkeit.

Nach der 2:3-Schlappe gegen Arminia Bielefeld ist der 8-Punkte-Rückstand auf einen Relegationsplatz in dieser Saison nicht mehr aufzuholen. Dabei lag der Kaiserslauterer Traditionsverein in der ersten Halbzeit noch mit 1:0 vorn. Zum Verhängnis wurde dem 1. FCK, dass Verteidiger Benjamin Kessel den Ball mit dem Arm von der Torlinie kratzte. Dafür erhielt er die Rote Karte. Den anschließenden Elfmeter verwandelte Fabian Klos zum Ausgleichstreffer für Bielefeld. Voglsammer und Klos schossen danach zwei weitere Tore und die Roten Teufel damit in die 3. Liga. Die Folgen für den Verein sind noch nicht absehbar. Nach Aussagen des Aufsichtsratschefs Patrick Banf seien die Kassen leer, der Etat werde von 40 auf 13,5 Millionen Euro zusammengestrichen. Welche Spieler den Verein nun verlassen, ist offen. Der erst seit dem 1. Februar für die Pfälzer tätige Trainer Michael Frontzeck soll wohl bleiben. Bei Stürmer Halil Altintop wird vermutet, dass er weiter in einem Bundesligaverein spielen will. Die wenigsten Spieler des Kaders haben einen Vertrag auch für die 3. Liga geschlossen.

Der Abstieg gilt als Desaster auf Raten. Schon vor Saisonbeginn fand sich für den zurückgetretenen Sportdirektor Uwe Ströwer kein Nachfolger. Während der Planungsphase für die Saison verfügte der Verein daher über keine sportliche Fachkompetenz. Der später eher aus Not eingesetzte Chefscout Boris Notzon wechselte 18 Mann aus, darunter auch die Spieler in den Schlüsselpositionen Angriff und Abwehr. Viele der neu Verpflichteten waren zuvor wegen Verletzungen längere Zeit ausgefallen. Als Trainer Meier nach dem siebten Spieltag seinen Hut nehmen musste, war die Kondition der Mannschaft mehr als ausbaufähig. Sein Nachfolger Strasser machte das Team zwar fit, musste aber nach Herzproblemen Michael Frontzeck den Platz räumen. Erst unter ihm begann die Aufholjagd, doch hat Kaiserslautern als Tabellenletzter wiederholt versagt.

Fußballerfigur in Kaiserslautern

Zum Niedergang trugen auch die finanziellen Probleme des Vereins bei. Sie begannen spätestens 2002 mit einem großen Skandal: Ex-Vorstandschef Jürgen Friedrich musste den Verein damals verlassen. Er wurde später zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er Spielerrechte an der Steuer vorbei bezahlt hatte. Der Verein stand damals kurz vor der Insolvenz. Satte 9 Millionen Euro musste er an Steuern zurückzahlen. Dieser Betrag konnte nur durch den Verkauf des Fritz-Walter-Stadions am Betzenberg zusammen mit dem Nachwuchs-Leistungszentrum Fröhnerhof finanziert werden. Gekauft wurde es von einer GmbH in alleinigem Besitz der Stadt Kaiserslautern. Der damalige Bürgermeister Bernhadt Deubig begründete den Schritt damit, dass man den Verein retten müsse, weil das Stadion für die Stadt sonst wertlos sei. Trotz der finanziellen Schwierigkeiten wurde das Stadion 2006 zum WM-Austragungsort. Unter anderem Italien, Japan, Australien und die USA spielten in der Westpfalz. Aber auch der hierfür nötige und 65 Millionen Euro schwere Umbau war von Pannen begleitet: Unvorhergesehene Mehrkosten, Insolvenz der Baufirma und Probleme mit dem Dach machten es etwa unmöglich, dass der Confed Cup 2005 in Kaiserslautern hätte ausgetragen werden können.

Fritz-Walter-Stadion

Das Stadion droht nun auch für die Stadt Kaiserslautern selbst zum Fiasko zu werden. Die Kredite für den Stadionumbau anlässlich der WM sind noch lange nicht abbezahlt. Bislang hatte der Verein 2,4 Millionen Euro jährlich an Miete gezahlt. Dieser Betrag wird infolge des Abstiegs auf gerade einmal 425.000 Euro reduziert, sonst könne sich der Verein die Lizenz für die 3. Liga nicht leisten. Im Stadtrat wurde bereits diskutiert, ob es nicht besser sei, das Stadion abzureißen. Doch dieser Abriss würde zusätzliches Geld kosten, den teuren Kredit nicht bedienen. Als Lösung dürfte daher nur ein finanzstarker Investor in Betracht kommen, den Stadt und Verein nicht präsent haben. Von der Idee, die Mehrkosten durch eine drastische Erhöhung der Grundsteuer zu decken, nahm die Stadtverwaltung zwischenzeitlich Abstand. Dagegen hatte sich massiver Protest geregt; einzelne Bürger kündigten Klagen an. Die anstehenden Mietausfälle sollen stattdessen zunächst durch Rücklagen aus dem Haushalt der hochverschuldeten Stadt ausgeglichen werden. Das kann aber freilich nur eine vorübergehende Lösung sein. Hinzu tritt für die Stadt und Region der Imageverlust. Ob die Zuschauerzahlen abnehmen, ist noch unklar. Zurückgehende Zuschauerzahlen würden sich aber auch auf die Gastronomie der Stadt auswirken, die zu einem erheblichen Teil von den Fußballfans lebt.

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Quellen[Bearbeiten]