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Vor 25 Jahren: Erstes deutsches Retortenbaby erblickt das Licht der Welt

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Artikelstatus: Fertig 16:30, 11. Apr. 2007 (CEST)
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Fast 100.000 Kinder kamen seit 1982 in Deutschland durch künstliche Befruchtung zur Welt

Erlangen (Deutschland), 11.04.2007 – In der Universitätsfrauenklinik Erlangen erblickt am 16. April 1982 um 14:49 Uhr der kleine Oliver das Licht der Welt. Das Baby wiegt 4.150 Gramm. Oliver ist ein ganz normaler Neugeborener – und doch eine Sensation, deretwegen Journalisten seinerzeit tagelang die Erlanger Klinik belagert hatten: Oliver ist der Beweis dafür, dass deutschen Medizinern erstmals eine künstliche Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers gelungen ist.

Der im April 2005 verstorbene Erlanger Frauenarzt und Reproduktionsmediziner Prof. Dr. Siegfried Trotnow hatte mit seinem Team, dem Spezialisten vieler verschiedener Fachrichtungen wie der Tiermediziner Professor Dr. Safaa Al-Hasani und die Biologin Dr. Tatjana Kniewald angehörten, entscheidend dazu beigetragen, dass sich die In-vitro-Fertilisation in Deutschland rasch etablieren konnte und Zehntausende ungewollt kinderloser Frauen neue Hoffnung schöpfen konnten. Dabei halfen dem Wissenschaftlerteam die umfangreichen Vorarbeiten, die der Erlanger Gynäkologe Professor Dr. Klaus-Georg Bregulla schon in den 60-er Jahren durchgeführt hatte, lange bevor 1978 in England Louise Brown, das weltweit erste Retortenbaby, geboren wurde. Diese frühen Forschungen verschafften dem Erlanger Team einen entscheidenen Vorsprung vor den anderen Forschergruppen, die in Deutschland ebenfalls auf diesem Gebiet arbeiteten.

Dabei musste die Forschung an der Methode zur künstlichen Befruchtung anfangs viele Widerstände überwinden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zum Beispiel hatte zwischen 1969 und 1981 alle Anträge auf finanzielle Förderung der Arbeiten abgelehnt. „Kontraproduktiv waren sicherlich auch einige Kollegen in der Klinik, die uns für verrückt hielten, und das gelegentlich die jüngeren Team-Mitglieder spüren ließen“, erinnerte sich Trotnow später.

Nach dem ersten großen Erfolg wurde die Methode der In-Vitro-Fertilisation rasch verfeinert und ist heute eines der Standardverfahren in der Reproduktionsmedizin, das in über 100 Behandlungszentren in Deutschland angewandt wird. Seit der Geburt des ersten Retortenbabys sind in Deutschland fast 100.000 Kinder nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt gekommen. Allerdings werden seit der Gesundheitsreform von 2003 die Kosten für eine solche Behandlung nur noch zur Hälfte von den Krankenkassen übernommen. Hierdurch nahm die Zahl der hilfesuchenden Personen, die zuvor stetig angestiegen war, erstmals ab und ging von 80.000 Behandlungen im Jahr 2003 auf 40.000 im Jahr 2004 zurück.

Nachdem die künstliche Befruchtung ihren Weg in die Praxis gefunden hat und man damit laut Klinikdirektor Prof. Dr. Matthias W. Beckmann „jetzt Paaren helfen [kann], deren Behandlung vor 30 Jahren kaum denkbar war“, suchen die Reproduktionsforscher an der Erlanger Universitätsklinik inzwischen nach einem Weg, der es jungen krebskranken Frauen ermöglichen soll, eigene Kinder zu bekommen. „Diese Frauen müssen bisher oft auf eigenen Nachwuchs verzichten, weil die Behandlung sie zwar geheilt hat, die Eierstöcke aber durch die nötigen Medikamente auf Dauer geschädigt wurden,“ sagte Professor Beckmann. Wie Privatdozent Dr. Dittrich aus dem Forscherteam erklärte, entnimmt man dazu den Frauen vor der Krebstherapie Eierstockgewebe. Dieses Gewebe wird eingefroren und nach Beendigung der Therapie retransplantiert. Da Krebsbehandlungen bei jungen Menschen immer häufiger erfolgreich verlaufen, rechnet Dr. Dittrich mit einem zunehmenden Bedarf an diesem Verfahren. In der Erlanger Gewebedatenbank warteten Ende 2006 schon 100 Gewebeproben darauf, ihren Besitzerinnen wieder eingepflanzt zu werden. Weltweit konnten durch diese Methode aber bisher nur zwei Schwangerschaften herbeigeführt werden.

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Quellen