Vogelgrippe in Europa: Kommt eine Pandemie?

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Artikelstatus: Fertig 15:33, 14. Okt. 2005 (CEST)
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Basel (Schweiz) / Brüssel (Belgien), 13.10.2005 – Die Untersuchung der in der Türkei verendeten Vögel hat ergeben: Die Tiere sind an der aggressivsten Form des Vogelgrippevirus erkrankt. Der Name dieser Viruslinie ist H5N1. Auch Menschen können von ihm infiziert werden.

In Asien sind bereits sechzig Menschen an einer Infektion mit diesem Virus gestorben. Gefährdet sind vor allem Personen, die direkten Kontakt mit Vögeln haben. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bisher nicht nachgewiesen. Wenn der Fall eintritt, dass das Virus so mutiert, dass auch eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch möglich wird, befürchtet die Weltgesundheitsorganisation eine weltweite Epidemie mit möglicherweise Millionen von Toten, eine so genannte Pandemie.

EU-Gesundheitskommissar Marcos Kyprianou betonte, dass ein solches Szenario gegenwärtig nicht abzusehen sei. Das H5N1-Virus sei „nicht das Virus, das uns besorgt. Erst wenn das Virus mutiert, dann wird es problematisch.“ Trotzdem bereiten sich die EU-Mitgliedsstaaten auf eine mögliche Pandemie vor. Dabei wird aber auch mit der Gefahr einer normalen Grippeepidemie gerechnet. Die EU-Kommission will eine Milliarde Euro für Impfstoffe bereitstellen. Diese Impfstoffe stehen jedoch nicht direkt in Zusammenhang mit der Vogelgrippe. Da der Erreger in der befürchteten Form noch gar nicht existiert, gibt es dafür auch noch keine Impfstoffe. Als Schutz gegen die weitere Ausbreitung der Vogelgrippe sind entsprechende Verordnungen vorbereitet worden, die eine Zwangsunterbringung von Geflügel in Ställen vorsehen. Auch der Import von Geflügel, einschließlich von Geflügelteilen wie Federn, wurde von der EU bereits gestoppt.

Das zeitliche Zusammentreffen von Vogelgrippe und einer gewöhnlichen Grippewelle (Influenza), ist insofern problematisch, da so die Möglichkeit entsteht, dass beide Viren in einem Wirt existieren könnten, wenn eine doppelte Ansteckung vorliegt. Die Gefahr der Entstehung eines neuen Virustyps mit der Gefährlichkeit der Vogelgrippe in Kombination mit der leichten Übertragbarkeit des gewöhnlichen Influenzavirus macht die Brisanz dieses zeitlichen Zusammentreffens aus. Daher gilt die Grippeimpfung zugleich als Vorbeugung gegen die Entstehung eines Virustyps, der eine Pandemie auslösen könnte.

Einen unerwarteten Aufschwung erlebte die Nachfrage nach dem Medikament „Tamiflu“, das von dem Schweizer Pharmakonzern Roche hergestellt und vertrieben wird. Das Medikament gilt als wirksames Heilmittel gegen die Vogelgrippe als auch allgemein gegen Influenza-Infektionen. Aufgrund der gestiegenen weltweiten Nachfrage nach dem Medikament erwägt Roche eine Verdoppelung der Produktion. Allein im ersten Halbjahr 2005 erzielte Roche damit einen Gewinn von 375 Millionen Euro. Da die Herstellung des Impf-Virus drei bis sechs Monate dauert, weil es in Hühnereiern gezüchtet wird, legen viele Länder bereits Vorräte mit diesem Medikament an. Im Falle einer Vogelgrippe-Epidemie soll das Medikament gefährdeten Personen in Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat ein Szenario für Deutschland entwickelt, das die Ausbreitung der Krankheit im Falle einer Vogelgrippe-Epidemie mit einem mutierten H5N1-Virus untersucht. Unter der Voraussetzung, dass 30 Prozent der Bevölkerung durch so ein hochinfektiöses Virus angesteckt würden, geht das Institut von 90.000 Toten in Deutschland aus.

Die WHO hat das Medikament Tamiflu international als wirksam beurteilt und die Anlegung entsprechender Vorräte empfohlen. Im Falle einer weiteren Ausbreitung des Vogelgrippevirus könnte das Medikament jedoch knapp werden. Das schafft für Entwicklungsländer eine schwierige Situation, da eine Medikamentenknappheit hier am schnellsten auftreten könnte. Da Roche das Verwertungsrecht des Patents für das Medikament besitzt und Herstellung und Vertrieb nicht mit anderen Firmen teilen will, wird in Taiwan zurzeit erwogen, eine eigenständige Herstellung des Medikaments zu erlauben. Der Direktor der taiwanesischen Gesundheitsbehörde, Kou Hsu-sung, sagte, sein Land müsse sich im Fall einer Gefährdung zwischen Patentschutz und der Gewährleistung der nationalen Sicherheit entscheiden. Im übrigen werde auch das Argument des Herstellers, die Herstellung sei wegen der Komplexität des Herstellungsprozesses nur bei Roche selbst möglich, überschätzt. Die Herstellung von Tamiflu sei taiwanischen Wissenschaftlern durchaus möglich.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte in der letzten Woche bei einem Besuch der WHO in Genf zwar die Position der Firma Roche nicht direkt in Frage gestellt, aber betont, das Patentrecht dürfe ärmeren Ländern den Zugang zu Tamiflu und Influenza-Impfstoffen nicht versperren.

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Quellen