Spannungen an der sudanesisch-äthiopischen Grenze in der Konfliktregion al-Fashqa nehmen zu

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Veröffentlicht: 19:08, 22. Jan. 2021 (CET)
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Grenze zwischen Sudan und Äthiopien

Sudan / Äthiopien, 22.01.2021 – Die Spannungen an der Grenze zwischen dem Sudan und Äthiopien in der fruchtbaren Region al-Fashqa nehmen weiter zu, nachdem es im Dezember zu mehrwöchigen Zusammenstößen zwischen sudanesischen und äthiopischen Truppen gekommen war.

Am 14. Januar wurden bei den letzten Angriffen an der Grenze mindestens fünf Frauen getötet.

Dina Mufti, Sprecher des äthiopischen Außenministeriums, hat sudanesische Streitkräfte beschuldigt, die äthiopischen Grenzen verletzt zu haben, die sich angeblich an äthiopischen Grenzmilizen rächten, die sudanesische Bauern angegriffen haben sollen.

Die Region al-Fashqa liegt eigentlich innerhalb der sudanesischen Grenzen, im Bundesstaat al-Qadarif, aber Äthiopier siedeln schon seit Jahren in diesem Gebiet, wobei es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den zwei Gruppen kommt.

Die Spannungen eskalierten weiter, als im November 2020 50.000 äthiopische Flüchtlinge zur sudanesisch-äthiopischen Grenze flohen, nachdem ein Krieg zwischen der äthiopischen Bundesregierung und der regionalen Tigrayan People's Liberation Front (TPLF) in der nördlichen Tigray-Region ausgebrochen war.

Der amtierende sudanesische Außenminister Omar Qamar al-Din verteidigte das Vorgehen der sudanesischen Streitkräfte und erklärte, dass sie sich innerhalb der sudanesischen Grenzgebiete bewegen. Der Sudan wolle keinen Krieg, solange seine Grenzen nicht verletzt würden.

Am 15. Dezember wurden die sudanesischen Streitkräfte nach eigenen Angaben von äthiopischen Milizen in einen Hinterhalt gelockt, als sie das Gebiet des Mount Abutiour durchkämmten. Bei dem Angriff wurden mindestens vier sudanesische Soldaten getötet und Dutzende weitere verwundet.

Im Dezember 2020 weitete die sudanesische Armee ihre Kontrolle über den größten Teil von al-Fashqa aus und konnte am 1. Januar das gesamte Gebiet sichern, nachdem sie den letzten Grenzpunkt erreicht hatte.

Eine hochrangige sudanesische Delegation war am 13. Dezember mit Plänen für ein zweitägiges Gespräch nach Äthiopien gereist, doch nach wenigen Stunden kehrte dieselbe Delegation nach Khartum zurück, – was viele Fragen aufwirft.

Hintergrund – Geschichte von al-Fashqa
Karte des Anglo-Ägyptischen Sudan von 1912

Die umstrittene Region al-Fashqa geriet unter sudanesische Kontrolle aufgrund eines anglo-äthiopischen Abkommens, das 1902 zwischen dem äthiopischen Kaiser Menelik II. und Großbritannien im Namen des Sudan unterzeichnet wurde, als der Sudan noch eine britische Kolonie war. Dieses Abkommen definierte die sudanesische Grenze zu Äthiopien wie folgt:

„Die Grenze zwischen dem Sudan und Äthiopien, auf die sich die beiden Regierungen geeinigt haben, wird sein: die Linie, die auf der Karte, die diesem Vertrag in zweifacher Ausfertigung beigefügt ist, rot eingezeichnet ist und von Kher Um Hagar nach Gallabat, zum Blauen Nil, Baro, Pibor und Akobo-Fluss nach Melile und von dort zum Schnittpunkt des 6. nördlichen Breitengrades mit dem 35. Längengrad östlich von Greenwich verläuft.“ Art. I – The 1902 Treaty between Ethiopia and Great Britain

Seit 1902 haben klar abgrenzende Schilder Grenzstreitigkeiten verhindert, aber aufgrund der natürlichen Erosion sind diese Schilder nicht mehr sichtbar. 1996 besiedelten Äthiopier al-Fashqa und bauten Jahr für Jahr neue landwirtschaftliche Siedlungen.

Bis heute sollen äthiopische Milizen sudanesische Zivilisten während der Erntezeit töten, um ihnen die Ernte zu rauben. Gepflasterte Straßen, die die Siedlungen mit dem äthiopischen Hinterland verbinden, deuten auf mögliche Investitionen mit Unterstützung der äthiopischen Regierung hin.

Der ehemalige stellvertretende äthiopische Premierminister Demeke Mekonnen hat zwar eingeräumt, dass al-Fashqa eine sudanesische Region sei, was sich vor Ort abspielt scheint aber dieser offiziellen Verlautbarung zu widersprechen.

Ein Stellvertreterkrieg?

Während sich der Streit zwischen Ägypten und Äthiopien um den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) zuspitzt, haben einige die Theorie aufgestellt, dass der Sudan durch seinen Konflikt mit Äthiopien auf einen Stellvertreterkrieg seitens Ägyptens zusteuern könnte.

Suleiman Dedefo, äthiopischer Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sagte auf Twitter:

„Der aktuelle ägyptische Versuch eines Stellvertreterkrieges gegen Äthiopien durch die sudanesische Invasion erinnert uns an den ähnlichen Stellvertreterkrieg von 1974 durch Siad Barre in Somalia. Erstaunlicherweise hat die TPLF bei beiden Versuchen eines Stellvertreterkrieges als Hauptagent für Ägypten gedient.“ Suleiman Dedefo auf Twitter am 15. Januar 2021

Muhammad al-Faki Suleiman, ein Mitglied des Sovereignty Council of Sudan, sagte in einer Pressekonferenz am darauffolgenden Freitag:

  • Al-Fashqa ist sudanesisch, und wir fordern die äthiopische Seite auf, sich von zwei Grenzpunkten zurückzuziehen.
  • Wir führen diesen Krieg nicht im Auftrag von irgendjemandem, und das sind reine Lügen.
  • Wir haben keine Entscheidung getroffen, in einen Krieg zu ziehen, aber wir haben das Recht, uns bis zum letzten Grenzpunkt innerhalb des Territoriums des Sudan zu bewegen.
  • Wir sind in der Lage einen Krieg zu führen, aber eine friedliche Lösung hat Vorrang.
  • Die Entscheidung, sich nach Osten zu bewegen, wurde mit der Zustimmung des Sicherheits- und Verteidigungsrates getroffen, mit der Zustimmung aller Mitglieder.

Am 16. Januar erklärte Abdel Fattah Burhan, Chef des sudanesischen Souveränen Rates, dass man sich darauf geeinigt habe, die sudanesische Armee zur Sicherung der internationalen Grenze zu Äthiopien einzusetzen, und zwar im Rahmen der Militäroperation von Premierminister Abiy Ahmed zur Entwaffnung militanter Mitglieder der Tigray People's Liberation Front (TPLF).

Er bekräftigte, dass die sudanesische Armee nur innerhalb der sudanesischen Grenzen im Einsatz sei.

Krieg ist für beide Länder keine gute Wahl. Der Sudan behauptet, er bewege sich lediglich innerhalb seiner eigenen Grenzen. Äthiopien sagt, die angeblichen Verbrechen gegen sudanesische Bauern seien von Milizen begangen worden – nicht von offiziellen Kräften.

Ein Krieg zu diesem Zeitpunkt könnte die Region in eine Katastrophe stürzen, insbesondere weil er sich in einen weiteren aufkeimenden Konflikt zwischen Somalia und Kenia einfügen könnte.


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Quellen[Bearbeiten]