Radio Polonia will Esperanto-Sendungen einstellen

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Artikelstatus: Fertig 15:54, 26. Dez. 2006 (CET)
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Warschau (Polen), 26.12.2006 – Vor einigen Monaten hat der polnische Rundfunk „Radio Polonia“ beschlossen, die täglichen Radiosendungen in der internationalen Sprache Esperanto auf Kurzwelle und per Satellit einzustellen und die zuständige Redaktion zu entlassen. Informationen in Esperanto sollen lediglich in einzelnen Hörbeiträgen als Podcast im Internet zur Verfügung gestellt werden. Laut einem Bericht der polnischen Nachrichtenagentur PAP von Freitag, dem 15. Dezember, hat der Vizepräsident des polnischen Rundfunks diese Entscheidung gegen Esperanto mit der jüdischen Herkunft von Ludwig Zamenhof, dem Begründer des Esperanto, in Verbindung gebracht. Zamenhof wurde im polnischen Bialystok geboren und hat das erste Esperanto-Lehrbuch 1887 in Warschau veröffentlicht. Radio-Sendungen in Esperanto produziert Radio Polonia seit 1959 täglich.

Die Nachrichtenagentur PAP zitiert einen Bericht der Zeitung „Gazeta Wyborcza“, die den Vizepräsidenten von Radio Polonia, Jerzy Targalski, interviewt hat. Befragt zu einer Äußerung vor ein paar Tagen sagte Targalski, er habe erläutert, wenn Polen esperantosprachige Sendungen mache, weil es stolz sei auf Zamenhof, dann müsse auch Israel in Esperanto senden, weil es wahrscheinlich auch stolz sei auf ihn. In der Diskussion zur Äußerung von Targalski auf den Internetseiten von Gazeta Wyborcza sind bisher etwa 270 Beiträge eingestellt worden. Titel ist „Zamenhof do Izraela“, Zamenhof nach Israel. Dies nimmt Bezug auf die Forderung antisemitischer Kreise, die Juden sollten nach Israel auswandern.

Der Präsident von Radio Polonia, Krzysztof Czabanski, hat die Äußerung des Vizepräsidenten, Jerzy Targalski, zur jüdischen Herkunft von Ludwig Zamenhof als unglücklich und falsch bezeichnet. Auch Targalski selbst drückte in einem Schreiben von Freitagnachmittag sein Bedauern aus, dass seine Äußerung den Polnischen Rundfunk und seine Person in einem falschen Licht erscheinen ließe. Sowohl er als auch „Radio Polonia“ seien weit davon entfernt, untolerante und fremdenfeindliche Haltungen zu glauben und zu verbreiten. Der Brief von Targalski wandte sich an den Chefredakteur von „Gazeta Wyborcza“, Adam Michnik. Kopien wurden an den Präsidenten des polnischen Senats Bogdan Borusewicz, den Kulturminister Kazimierz Ujazdowski und den Vizeaußenminister Pawel Kowal gesandt. Der Kulturminister sagte im polnischen Radio, die Äußerung von Targalski sei unklug, unvorsichtig und schlecht. Pawel Sados´, Sprecher des polnischen Außenministeriums, das Radio Polonia finanziert, hat gegenüber der „Gazeta Wyborcza“ erklärt, das Ministerium unterstütze die Fortsetzung der Esperanto-Sendungen.

Im Interview mit Gazeta Wyborcza hat Targalski die Esperantosprecher als eine Hobbybewegung bezeichnet. Es ist zutreffend, dass Esperanto weltweit im wesentlichen in der Freizeit und bei Reisen benutzt wird.

Für das Jahr 2009 war bisher Polen als Veranstaltungsland des Esperanto-Weltkongresses im Gespräch; gewöhnlich kommen mehr als 2.000 Esperantosprecher aus aller Welt eine Woche lang zum Weltkongress zusammen. Wie der Präsident des Esperanto-Weltbundes, Renato Corsetti, vor einiger Zeit mitteilte, wird diese Planung nach der Entscheidung des Polnischen Rundfunks möglicherweise überdacht werden.

Die Entscheidung des polnischen Rundfunks, die Sendungen in Esperanto einzustellen, war bei Esperantosprechern in aller Welt auf Unverständnis gestoßen. Die Sendungen haben seit 1959 eine treue Hörerschaft in aller Welt und haben im ersten Halbjahr 2006 insgesamt 1.825 Hörerbriefe erhalten. Demgegenüber erhielt die belorussische Redaktion in diesem Zeitraum nur 56 Hörerbriefe, die ukrainische lediglich zehn – und gerade die Sendungen in diesen beiden Sprachen sollen ausgebaut werden. So haben die polnischen Botschaften in den letzten Wochen weltweit Protestbriefe von Esperantosprechern erhalten, in Japan ebenso wie in Brasilien, in Spanien und in Indien. Häufig wurde erläutert, Radio Polonia in Esperanto sei eine wichtige Informationsquelle über Polen.

Hintergrund der Entscheidung, die Esperanto-Sendungen zu beenden und die Redaktion zu entlassen, sind Andeutungen zufolge möglicherweise auch persönliche Gründe. Der Vizepräsident des Polnischen Rundfunks, J. Targalski, ist Professor für Slawistik an der Universität Warschau. Einer seiner Doktoranden ist Adam Burakowski, der Vizedirektor von Radio Polen wurde, obwohl dies seine erste Anstellung ist. Burakowski soll die Entscheidung gefällt haben, die Esperanto-Redaktion aufzulösen und die Mitarbeiter zu entlassen.

Quellen