Ein Sensationsfund der keiner ist

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Veröffentlicht: 07:47, 26. Okt. 2017 (CEST)
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Mainz (Deutschland), 26.10.2017 – Es hätte eine paläontologische Sensation sein sollen: Rheinland-Pfälzische Archäologen präsentierten in der vergangenen Woche mehrere Millionen Jahre alte Zähne von Frühmenschen. Diese wurden nicht etwa in Afrika gefunden - nein, in Eppelsheim in Rheinland-Pfalz. Einige Medien witterten schon, dass die Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden müsse. Doch namhafte Experten sind sich darüber einig, dass der Fund nicht von Menschen, nicht einmal von Menschenaffen stammt. Vielmehr habe es dem Mainzer Forscher an Qualifikation gefehlt und es sei gegen gute Grundsätze der wissenschaftlichen Forschung verstoßen worden.

Gefunden wurden die Zähne in Sand- und Kiesablagerungen des Ur-Rheins bei Eppelsheim im Landkreis Alzey-Worms, unweit von Mainz. Zunächst hielten die Forscher den Fund zurück, bis sie sich sicher waren, den Backen- und den Eckzahn eines Menschenaffen/Frühmenschen gefunden zu haben. Diese hätten größte Ähnlichkeit mit den Überresten der Frühmenschenarten Australopithecus afarensis oder Ardipithecus ramidus aus Äthiopien, deren berühmteste Vertreter unter den Namen Lucy und Ardi auch jenseits von Fachkreisen bekannt sind. Das ist erstaunlich, denn die bislang ältesten Menschenfunde außerhalb Afrikas stammen vom etliche Millionen Jahre jüngeren Homo Heidelbergensis. Die rheinland-pfälzischen Forscher erwarteten also, der Fachwelt eine Sensation präsentieren zu können.

Doch dafür ernteten sie nur ein erstauntes Kopfschütteln. Der Paläontologe David Begun von der University of Toronto erklärte bald, dass diese Funde nichts mit Menschen oder Menschenaffen zu tun haben könnten. Schließlich stammen sie aus einer Zeit, lange bevor diese sich entwickelt hatten. Stattdessen stamme der Backenzahn von einer vor 10 Millionen in Europa weit verbreiteten Affenart. Der vermeintliche Eckzahn stamme vom Backenzahn eines Wiederkäuers und sei abgebrochen. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment präzisierte diese Auskunft hin zu einem Fragment eines Hirschzahns. Unterdessen wurde Kritik laut, wieso die rheinland-pfälzischen Kollegen an die Öffentlichkeit gingen, ohne zuvor Fachkräfte zu Rate zu ziehen. Die Publikation der Funde sei außerdem nicht in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen, wo sie hätte von Kollegen kritisch begutachtet werden können. Dieses Vorgehen bezeichnete Philipp Gunz vom MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig als „ungewöhnlich“. Üblich sei zunächst zu publizieren und dann auf einer Pressekonferenz von einer Sensation zu sprechen. Ottmar Kullmer vom Senckenberg Museum in Frankfurt am Main meinte sogar, dass Herbert Lutz, Hauptautor der Studie, eigentlich Spezialist für Insekten, nicht für Primaten sei.

Tatsächlich leitete Lutz das Forschungsprojekt. Dieser hält unterdessen an seiner Interpretation der Funde fest. Man habe zunächst keine anderen Forscher hinzugezogen, um den Grabungserfolg für sich zu verbuchen. Immerhin hatten Land und die Stadt Mainz 800.000 € während der vergangenen Jahre in das Projekt investiert. Um dessen Zukunft gehe es nun. Axel Berg, Landesarchäologie, kritisiert seine Kritiker dahingehend, dass diese die Funde selbst nicht in Augenschein genommen hätten. Ohnehin ernteten die rheinland-pfälzischen Forscher viel Lob von ihren Kollegen. Begun selbst gesteht ihnen zu, hervorragende Fotos der Funde zur Verfügung gestellt zu haben. Es sei auch wenig darüber bekannt, welche Affenarten vor 10 Millionen Jahren in Europa lebten. Schon darüber könnten die Zähne Auskunft geben. Es sei durchaus denkbar, dass in Eppelsheim eine neue Affenart entdeckt wurde, meint auch Gunz. Dieser sei eben nur kein Vorfahre des Menschen.


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