EZB denkt über Zinserhöhungen nach

aus Wikinews, einem freien Wiki für Nachrichten
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Veröffentlicht: 23:20, 10. Okt. 2010 (CEST)
Bitte keine inhaltlichen Veränderungen vornehmen.

Frankfurt am Main (Deutschland), 10.10.2010 – Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank Jürgen Stark hat sich dafür ausgesprochen, dass die EZB Maßnahmen zur Erhöhung des Zinsniveaus im Euro-Währungsraum ergreift. Die derzeitigen Zinsen befinden sich auf einem historischen Tief. Damit wollte die EZB zur Überwindung einer Kreditklemme sowie von Deflationsgefahren beitragen, die infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise der letzen Jahre von vielen Beobachtern an die Wand gemalt wurden. Stark geht davon aus, dass der derzeitige Niedrigstzins in „Euroland“ aufgrund der nunmehr wieder relativ robusten Konjunktur zu einer Überschwemmung der Volkswirtschaft mit billigem Geld führen kann, die einen Anstieg der Inflationsrate über das angestrebte Niveau von zwei Prozent hinausführt.

Voraussetzung für eine inflationäre Wirkung lockerer Geldpolitik ist eine Vollauslastung der Produktionskapazitäten. Solange eine Unterbeschäftigung des Kapitals vorliegt und mithin eine Arbeitslosigkeit oberhalb des „natürlichen Niveaus“, kann expansive Geldpolitik zu einem Stimulans für das Bruttonationaleinkommen werden. Bei einer Vollauslastung hingegen verpufft die Wirkung einer Geldmengenerhöhung vollkommen und führt lediglich zu einem ansteigenden Preisniveau. EZB-Chefökonom Stark geht aber offenbar davon aus, dass die Unterbeschäftigung aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise bereits wieder überwunden ist.

Die EZB kann das Zinsniveau über eine Anhebung der Spitzenrefinanzierungssätze sowie der Zinsen für die Einlagefazilitäten kurzfristig beeinflussen. Unmittelbare Folge wäre ein Anstieg der Kreditmarktzinsen; und mithin ein Rückgang der Investitionen. Darüberhinaus kann die EZB über kontraktive Offenmarktgeschäfte, also den Verkauf von Bestandteilen der Währungsreserven wie etwa Wertpapieren, die Geldmenge reduzieren, sodass ein Überangebot an Wertpapieren die Kurse senken und dementsprechend die Rendite (Wertpapier-Realzinsen) ansteigen ließe[1]. In der Folge würde ein Nachfrageüberhang nach Euro entstehen, da Investoren verstärkt Euro-Wertpapiere nachfragen würden. Der Euro würde also aufgewertet. Den Kurs- und Wertpapierzinseffekt würden die Investoren in der Folge als Arbitrageure wieder vernichten, sodass konstatiert werden kann, dass Offenmarktoperationen nur einen kurzfristigen zins- und wechselkurspolitischen Erfolg versprechen. Eine dritte Alternative besteht in einer Anhebung des Mindestreservesatzes der Geschäftsbanken. Damit würde der Geldangebotsmultiplikator abgesenkt und mithin würden die Geldmenge nachhaltig sinken und in der Folge die Kreditmarktzinsen steigen.

Die Aufwertungswirkung einer zinserhöhenden Politik würde über den unmittelbaren Kreditmarkteffekt hinaus allerdings auch zu einer Verschiebung der Wettbewerbspositionen der Exportvolkswirtschaften zuungunsten Eurolands führen. Angesichts der aktuellen Vorwürfe an die Volksrepublik China, dass sie sich über eine künstliche Renminbi-Abwertung unter das den realwirtschaftlichen Bedingungen entsprechende Niveau einen zweifelhaften Wettbewerbsvorteil sichere, ist allerdings Vorsicht geboten bei der Vorhersage wechselkursaufwertender Aktivitäten der EZB oder der Fed, wobei letztere diesbezüglich sowieso völlig unverdächtig ist. Es bleibt also abzuwarten, wovon sich die EZB leichter verführen läßt: von einer nahezu paranoiden Inflationsangst, die sie vorallem von der Deutschen Bundesbank geerbt hat, und die sie nach wie vor erzittern läßt angesichts der Erfahrungen in den 1920er- und 1930er-Jahren; oder von der Herausforderungen durch China und die ebenfalls auf Abwertung setzenden USA.

Anmerkungen

  1. Die Rendite ist der Quotient aus dem Produkt der Nominalverzinsung mit dem Ausgabewert und dem Kurswert, d.h. je höher der Kurs, desto niedriger die Rendite et vice versa

Quellen