Die seltsame Sicht der Welt in asiatischen Medien

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Veröffentlicht: 15:05, 14.Dezember 2013 (CET)
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Sonnenuntergang in Shanghai im Smog

Shanghai (China), 14.12.2013 – Dass chinesische Medien nicht frei über Ereignisse berichten können, ist nichts Neues, doch was sich dort in den letzten beiden Wochen abspielte, wäre zum Lachen, wenn es nicht so gefährlich wäre.

Weite Teile des östlichen Chinas hingen Anfang Dezember 2013 unter einer Dunstglocke, wie es sie dort noch nicht gegeben hat. Smog über Beijing oder im Nordosten des Landes kennt man, die Frage nach dem Feinstaubgehalt in der Luft gehört dort zu den Alltäglichkeiten wie die Frage nach der Temperatur. Dass jedoch weite Teile vor allem weiter im Süden des Landes von einer solchen Verschmutzung erstickt wurden, war dann doch einmal ein berichtenswertes Ereignis für die nationalen chinesischen Medien und Thema Nummer eins für die Diskussion chinesischer Internetnutzer.

Die örtlichen Behörden in Nanjing, der Hauptstadt der Provinz Jiangsu, hielten es für zu gefährlich für die Gesundheit kleiner Kinder, sie bei dem dort herschenden Grad an Luftverschmutzung hinaus zu schicken, und schlossen kurzfristig Kindergärten und Grundschulen. Auch in anderen Orten der Provinz sah es nicht besser aus, obwohl derartige Maßnahmen dort nicht ergriffen wurden. Die Belastung der Luft lag teilweise über 500 Mikrogramm Feinstaub - sowohl für Teilchen der Kategorie 10 µm (10 Mikrometer) als auch der besonders feinen und gefährlichen Kategorie 2,5 µm. Das sind Werte, die um das mehr als 20-Fache über dem von der Weltgesundheitsorganisation als erträglich bezeichneten Wert von 25 Mikrogramm liegen. Die entsprechenden Werte des Air Pollution Index (API) der Environmental Protection Agency (EPA) lagen damit über 500, teilweise wurden in Shanghai auch Werte von deutlich über 600 erreicht.

Und wie gehen die chinesischen Medien mit diesem Umweltproblem um? Sie scheinen Monty Python zu folgen und sehen in dieser Umweltkatastrophe noch gute Seiten. So berichteten sowohl die Global Times als auch das staatliche Fernsehen von den Vorteilen des Smogs. So soll der Smog militärisch von Vorteil für China sein, weil er die Steuerung feindlicher Raketen beeinflusst, er soll die Menschen gleich machen und sie enger zusammenrücken lassen sowie auch für Bildung sorgen, da man nun mehr über das Wetter wisse, und schließlich fördere es den Humor der Menschen, denn nun machten sie Witze über den Smog. Die chinesischen Bürger nahmen das aber keineswegs mit Humor und entluden einen Shitstorm über die betroffenen Medien, die sich gezwungen sahen, die entsprechenden Berichte zurückzuziehen.

Nach einer Woche zog eine Kaltfront von Norden her über das Land und brachte frischere Luft, und ein Aufatmen ging durch die Bevölkerung. Auch die Medien verspürten nun eine neue Chance, dem Smog etwas Positives abgewinnen zu können, und berichteten über die Kinder, die wieder in die Schule gehen konnten, nur, um dort zu zeigen, wie sie gegen die Luftverschmutzung vorgehen würden - mit Kampfsport. Und um zu zeigen, dass man nicht allein von dicker Luft betroffen ist, schob man noch ein paar Bilder aus London hinterher, dessen Nebel ja weltberühmt ist.

Ist die Luft in China damit wieder unbedenklich? Wohl kaum. Aber für Chinesen gilt: "Was ich nicht sehen kann, existiert auch nicht." "Die Luft ist nur schmutzig, wenn ich nichts sehen kann, ansonsten ist sie sauber", ist scheinbar die chinesische Einschätzung vieler Menschen. Dass die Messwerte etwas anderes sagen, wen interessiert das schon, denn man kann die Sonne wieder sehen. Ein API mit über 400 als kurzzeitigem Höchstwert und viele Werte deutlich über 200 sind noch immer gesundheitsgefährdend, aber wenn man die Sonne noch sieht, dann kann der Mundschutz wieder unten bleiben, sagen sich die Menschen.

Die Chinesen stehen aber keineswegs alleine da mit ihrer Vorstellung davon, dass das, was man nicht sieht, nicht existiert. Vietnamesische Medien berichteten sehr ausführlich über die Proteste in Kiew bis zu dem Zeitpunkt, als dort eine Leninstatuete vom Sockel geholt wurde. Dann war plötzlich nichts mehr über die Ereignisse in der Ukraine zu finden - bis auf Kommentare, die das Vorgehen der Protestler in Kiew scharf verurteilten. Offenbar eine Warnung an alle, die an Ähnliches in Vietnam mit Lenin oder dem allgegenwärtigen Ho Chi Minh dachten. Vietnamische Bürger wurden aber scheinbar erst durch diese auffällige Leerstelle in der Berichterstattung aufmerksam auf die Vorgänge in der Ukraine und äußerten ihren Unmut über derartige staatliche Eingriffe im Internet.

Ein World Wide Web mit Webfehlern oder Lücken wird auch in Asien immer weniger von den Menschen einfach so akzeptiert, und Zensur alleine kann die Meinungs- und Deutungshoheit der Herrschenden nicht so einfach mehr sichern.

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