Afghanistan: NATO übernimmt Kommando im Süden

aus Wikinews, einem freien Wiki für Nachrichten
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Artikelstatus: Fertig 20:17, 31. Jul. 2006 (CEST)
Bitte keine weiteren inhaltlichen Veränderungen vornehmen, sondern einen Folgeartikel schreiben.

Kandahar (Afghanistan), 31.07.2006 – Die „International Security Assistance Force“, kurz ISAF, gab heute die Übergabe des Kommandos im Süden Afghanistans von den US-geführten Koalitionsstreitkräften an die ISAF bekannt. Die ISAF ist keine UN-Friedenstruppe, sondern eine Militäreinheit unter Verantwortung der beteiligten Staaten unter Führung der NATO. Das Kommando erstreckt sich auf sechs Provinzen im Süden des Landes: Daikondi, Helmand, Kandahar, Nimrus, Uruzgan und Zabul. Mit dem Kommandowechsel gelangen mehr Militärkontingente nach Afghanistan. Die ISAF-Truppe für den Süden Afghanistans besteht aus 8.000 Soldaten. Befehlshaber über die vorwiegend aus Großbritannien, Kanada und den Niederlanden stammenden Soldaten ist der britische Generalleutnant David Richards. Richards sagte bei der offiziellen Übergabe in Kandahar, die NATO sehe den Einsatz in Afghanistan als langfristige Aufgabe, die so lange andauern werde, wie „die Regierung und das Volk von Afghanistan unsere Unterstützung wünschen“. Er fügte hinzu: „Wir fühlen uns Afghanistan und seiner Zukunft verpflichtet.“

Provinzen Afghanistans: ISAF-Mandat im Süden:
 6=Daikondi
12=Helmand
15=Kandahar
23=Nimrus
25=Uruzgan
34=Zabul

Auf die Soldaten der Bundeswehr hat die Kommandoübergabe jedoch keine unmittelbaren Auswirkungen. Bestandteil der ISAF-Schutztruppe für Afghanistan sind zwar auch 2.850 Bundeswehrsoldaten, allerdings sind diese im Norden des Landes, und zwar in Masar-i-Scharif, Faisabad und Kundus eingesetzt. Auch ist die Bundeswehr in der Hauptstadt Kabul präsent. Eine Stationierung der Deutschen im Süden ist auch nicht geplant, denn erst am 1. Juni hatte die Bundeswehr das Regionalkommando im Norden übernommen.

Im Süden des Landes finden zurzeit heftige Kämpfe mit den Taliban statt. So sind alleine am Wochenende 53 mutmaßliche Kämpfer der Rebellen getötet worden. Einmal wurde ein Versteck in den Bergen ausgehoben, dem ein zweistündiges Feuergefecht vorausging. Später wurde 20 Kilometer entfernt ein weiteres Versteck entdeckt, im anschließenden Kampf starben 13 Taliban. Der Konflikt im Süden war in den letzten Wochen geprägt durch eine Großoffensive der von den USA geführten Koalitionstruppen. Bei der „Operation Mountain Thrust“, die am 10. Juni begann, sind nach Angaben der NATO etwa 600 Talibankämpfer ums Leben gekommen. Der Süden des Landes gilt zum einen als Hochburg der Taliban, zum anderen treiben dort krigerische Drogenbarone ihr Unwesen. Aus der Region werden große Mengen Opium in die ganze Welt verteilt.

Mit der Übergabe des Kommandos an die NATO verbindet sich anscheinend auch ein Strategiewechsel. So will das Verteidigungsbündnis massiv gegen die dort ansässigen Drogenbarone vorgehen. Diese werden als eigentliche Ursache der Gewalt angesehen. Der britische General Richards rechnet damit, dass die NATO mindestens noch die nächsten drei bis fünf Jahre in Afghanistan tätig sein wird. Darüber hinaus würde von der Internationalen Gemeinschaft noch nichtmilitärische Hilfe benötigt. Der EU-Sondergesandte für Afghanistan, Francesc Vendrell, kritisierte heute sogar offen die bisherige Strategie der USA im Süden des Landes. Man habe sich demnach zu lange auf die Bekämpfung der Al-Quaida in Afghanistan konzentriert. Die Terrororganisaion sei nicht die einzige Gruppe gewesen, die die „Taliban produziert“ habe.

Direkte Auswirkungen des Nahostkonflikts auf Afghanistan sind zurzeit nicht zu beobachten. Allerdings wird Afghanistan mit dem Libanon verglichen. So hat der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, eine Parallele gezogen, indem er beide Staaten als „schwaches Land“ bezeichnete. Terrororganisationen hätten sich jeweils etabliert und einen Staat im Staate aufgebaut. Auch die NATO sieht einen indirekten Zusammenhang. Der NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop äußerte am 20. Juli seine Sorge, dass wegen des neuen Nahostkonflikts die Aufmerksamkeit in Afghanistan nachlassen könne. Von Reuters wird er mit den Worten zitiert: „Ein hoher Grad politischer Beachtung ist dazu absolut notwendig.“

Themenverwandte Artikel

Quellen