64 Jahre nach Kriegsverbrechen: Anklage gegen mutmaßlichen Täter

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Veröffentlicht: 09:35, 16. Sep. 2008 (CEST)
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München (Deutschland), 16.09.2008 – 64 Jahre nach einem 14-fachen Mord muss sich seit gestern einer der mutmaßlichen Täter in München verantworten. Dem heute 90 Jahre alten Josef S. wird vorgeworfen, als Kompaniechef der deutschen Wehrmacht Mittäter bei einem Mord an 14 Zivilisten gewesen zu sein, wobei er aus Rache gehandelt habe. Vorangegangen war die Erschießung von zwei Wehrmachtssoldaten durch italienische Partisanen, als die Soldaten offenbar versuchten, ein Pferd zu stehlen.

Die Staatsanwaltschaft geht von folgendem Sachverhalt aus: Im Juni 1944 waren Angehörige einer deutschen Gebirgspioniereinheit im Zweiten Weltkrieg damit beschäftigt, durch den Einsatz von Sprengungen und Minen den Vormarsch alliierter Soldaten hinauszuzögern. Dazu waren die Soldaten beim italienischen Falzano di Cortona unterwegs. Beim Versuch, ein Pferd aus einem Landgut zu stehlen, wurden zwei Soldaten von italienischen Partisanen überrascht und getötet. Der Angeklagte soll daraufhin als Mitorganisator einer Racheaktion in Erscheinung getreten sein. Als Angehörige der Wehrmacht die Partisanen suchten, stießen sie zunächst auf eine 74-Jährige, einen 55-jährigen Landarbeiter, einen 39-jährigen Verwundeten sowie einen 21-jährigen Bauernsohn. Aus Rache für die Tötung der Diebe erschossen die Soldaten die vier Zivilisten. Elf weitere Italiener wurden anschließend in ein Bauernhaus zusammengescheucht, wo die Soldaten durch eine Sprengung ebenfalls den Versuch unternahmen, diese zu töten. Bei der Explosion und der anschließend durch die Soldaten vorgenommenen Erschießung der sich durch Schmerzensschreie bemerkbar machenden Überlebenden kamen insgesamt zehn Personen ums Leben; ein 15-Jähriger überlebte jedoch und wurde später von Anwohnern gerettet. Neben weiteren Zeugen soll auch der damals 15-Jährige als Hauptbelastungszeuge zur Tat vernommen werden.

Zum Prozessauftakt ließ der Angeklagte von einem Rechtsbeistand eine Erklärung verlesen, in der er die Tatvorwürfe bestreitet. Ein weiterer Verteidiger beantragte die Erstellung eines historisch-militärischen Gutachtens. Die Fortsetzung des Verfahrens ist für den 29. September angesetzt.

Die Anklage wurde neben der Nichtverjährung für Mord dadurch möglich, dass 1994 Akten in einem Archiv in Rom geöffnet wurden. In dem sogenannten „Schrank der Schande“ befinden sich Unterlagen zu vielen Kriegsverbrechen, so auch zu dem Fall Josef S., der bereits vor einem italienischen Militärgericht in La Spezia verhandelt wurde. Dort wurde S. in Abwesenheit von einem Militärgericht 2006 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, woraufhin er jedoch nicht von den deutschen Behörden überstellt wurde. Stattdessen droht S. nun nach einer Anzeige der für NS-Verbrechen zuständigen Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch in München die Verurteilung zu lebenslanger Haft. Ein medizinischer Sachverständiger hatte festgestellt, dass S. gesundheitlich prozessfähig ist.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk mahnte allgemein, dass Deutschland es den Opfern und der eigenen Geschichte schuldig sei, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Quellen