Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg philosophiert über Europa

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Veröffentlicht: 09:02, 4. Feb. 2013 (CET)
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Adolf Muschg, 2008 in Lausanne

Bremen (Deutschland), 04.02.2013 – Am gestrigen Sonntag war der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler zu Gast im Bremer Theater am Goetheplatz. Die Veranstaltung im vollbesetzten Saal des Foyers wurde von Intendant Michael Börgerding eröffnet. Die Europa-Abgeordnete Helga Trüpel führte in die politisch ausgerichtete Thematik ein und zitierte aus dem europäischen Grundlagenvertrag. Adolf Muschg berief sich bei seinen Betrachtungen zu Europa insbesondere auf seinen Landsmann, den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, der durch seine Schrift Weltgeschichtliche Betrachtungen bekannt wurde, und machte sich auf einen politisch-philosophischen Exkurs. Burckhardt habe erkannt, dass es in der geschichtlichen Entwicklung drei Triebkräfte gegeben habe: die Suche des Menschen nach dem Sinn des Lebens, den Wunsch nach einer Ordnung und das Streben nach Freiheit. Die Suche nach dem Sinn werde oft durch Religionen befriedigt. Das Problem sei, so Muschg, dass die Europäer dem islamischen Fundamentalismus oder dem US-amerikanischen Evangelikalismus praktisch nichts entgegensetzen könnten. Die Ordnung werde durch den Staat, aber auch durch gemeinsame europäische Regelungen verkörpert.

Bemerkenswert sei, dass der Kulturhistoriker Burckhardt zum Bereich der Freiheit nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch die Wirtschaft zähle. In diesem Zusammenhang erwähnte Muschg die Aussage des deutschen Grundgesetzes, das eine soziale Verpflichtung des Eigentums kenne. Eine solche Verpflichtung habe bisher keine Aufnahme in die europäischen Verfassungsentwürfe gefunden. In anderen Kulturen, etwa China oder Japan, sei es undenkbar, so Muschg, dass in einer Verfassung Freiheiten und Rechte, aber keine Pflichten beschrieben seien. Dort gebe es ein grundlegendes Verständnis vom Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten.

In Muschgs Rede, aber auch in der anschließenden Diskussion wurde oft Bezug auf aktuelle Ereignisse genommen. Beim Thema Schuldenkrise, das vor allem am europäischen Mitgliedsstaat Griechenland festgemacht wurde, spann sich der Bogen von der Bedeutung Griechenlands als Urlaubsziel über die Erinnerungskultur hinsichtlich der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bis hin zur kultur- und sprachgeschichtlichen Bedeutung. Dabei wurden auch Kontroversen sichtbar, etwa zum Stellenwert einer möglichen Unabhängigkeit Schottlands und den Auswirkungen auf die politische Organisation in Europa. Helga Trüpel vertrat die Ansicht, dass ein Land, welches sich für unabhängig erkläre, nicht mehr automatisch Mitglied der EU sein könne, sondern mit Beitrittsverhandlungen begonnen werden müsse.

Von 1970 bis 1999 war Muschg Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Als Dichter und Schriftsteller wurde er in Deutschland unter anderem durch seine Liebesgeschichten - erstmals 1972 erschienen - bekannt, 1974 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis. Im Jahre 2005 präsentierte er sich mit Veröffentlichungen unter dem Titel „Was ist europäisch? Reden für einen gastlichen Erdteil“ als überzeugter Vertreter eines vereinigten Europas - allerdings mit einiger Skepsis: Die aktuelle Euro- und Schuldenkrise zeige, wie Erinnerungen an historische Konflikte des 20. Jahrhunderts durch Bilder, Metaphern, Symbole, Stereotypen und Rhetorik wachgerufen werden könnten.

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