Heiße Lava briet den „weißen Hai“ von Heimkirchen

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Nierstein (Deutschland), 20.09.2005 – Ein riesiger, männlicher „weißer Hai“ der Art Orthacanthus senckenbergianus aus der frühen Permzeit vor etwa 280 Millionen Jahren ist die neueste große Attraktion des Paläontologischen Museums Nierstein unweit von Mainz. Ungewöhnlich wirkt nicht nur die Größe von 2,10 Meter dieses eindrucksvollen Fisches aus Heimkirchen am Donnersberg in der Pfalz, sondern auch seine weiße Farbe, die er der Erhitzung durch im Erdinnern aufsteigende Lava verdankt.

Normalerweise sind fossile Fische aus der frühen Permzeit schwarz auf dem Gestein aus jenem Zeitabschnitt überliefert, was dem übriggebliebenen Kohlenstoff zuzuschreiben ist. Doch wenn das Gestein mit einem Fossil - sei es ein Krebs, ein Fisch oder ein Amphibium (Saurier) - durch unterirdische Lava erhitzt wird, verbrennt der Kohlenstoff und lässt nur weiße Asche übrig.

Mit dem gefürchteten „Weißen Hai“ Carcharodon, der in reißerischen Kinofilmen Menschen angreift und tötet, hat der „weiße Hai“ Orthacanthus im Paläontologischen Museum Nierstein nichts zu tun. Im Gegensatz zum blutrünstigen Carcharodon lebte Orthacanthus nicht im Meer im Salzwasser, sondern im Süßwasser. Man rechnet ihn zu den Süßwasserhaien (Xenacanthiformes oder Xenacanthiden).

Der maximal drei Meter lange Süßwasserhai Orthacanthus war ein Raubfisch, der in Bodennähe von Gewässern auf Fische lauerte. Er konnte schnell schwimmen und fraß - wie versteinerte Kotballen beweisen - vor allem die zu den Panzerfischen (Placodermen) gehörenden zahnlosen „Stachelhaie“ (Acanthodier) der Gattung Acanthodes, die sich von Plankton ernährten, und Schmelzschuppenfische (Palaeonisciden) der Gattung Paramblypterus.

Meistens findet man von Orthacanthus keine komplett erhaltenen Exemplare, sondern nur isolierte Zähne und die bis zu zehn Zentimeter langen Nackenstachel mit Zacken, schrieb der Paläontologe Hartmut Haubold aus Halle/Saale in dem Buch „Die Lebewelt des Rotliegenden“. Von den Wurzeln der Zähne gehen unterschiedliche Spitzen und Höcker aus. Wegen seiner langen und spitz zulaufenden Rückenflosse ähnelt Orthacanthus heutigen Moränen.

Die Art Orthacanthus (Lebachacanthus) senckenbergianus wurde bereits 1889 von dem Wissenschaftler Fritsch anhand von Fossilien aus Lebach im Saarland beschrieben. Der Fund, nach dem diese Art beschrieben ist, wird im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main aufbewahrt.

Man rechnet die Gattung Orthacanthus („Einhornhai“) der Klasse Chondrichthyes (Knorpelfische), Überordnung Euselachii (primitive Haie) und Familie Xenacanthiformes (Süßwasserhaie) zu. Orthacanthus ist aus der Karbonzeit und Permzeit nachgewiesen. Funde gelangen in Europa und Nordamerika.

In Mitteleuropa wird die frühe Permzeit wegen der teilweise auffällig rotgefärbten Gesteine aus diesem Zeitabschnitt auch Rotliegendzeit genannt. Ablagerungen aus dieser Zeit treten beispielsweise auf der linken Rheinseite bei Nierstein und Nackenheim unweit von Mainz und örtlich im Saar-Nahe-Gebiet besonders deutlich zutage.

Während der Rotliegendzeit war innerhalb der sich quer durch Deutschland ziehenden Saar-Saale-Senke gebietsweise der Boden heiß und lebensfeindlich. Dort drangen aus bis zu 60 Kilometer Tiefe der Erdkruste gewaltige Lavamengen empor. Überreste dieser alten Vulkane sind vor allem im Umkreis von Baumholder, Bad Kreuznach, in der Pfalz, im Thüringer Wald und bei Halle/Saale in Sachsen-Anhalt zu finden.

Die Seen in der Pfalz, in denen der Süßwasserhai Orthacanthus in der frühen Permzeit lebte, lagen im damaligen tropischen Gürtel auf zehn Grad bis zwanzig Grad nördlicher Breite. Das heißt: Analog zu heutigen tropischen Seen herrschte in den oberen Wasserschichten eine Temperatur von ständig mehr als zwanzig Grad Celsius mit nur sehr geringfügigen Schwankungen.

Der Fundort Heimkirchen am Donnersberg in der Pfalz, an dem der heute im Niersteiner Paläontologischen Museum aufbewahrte Süßwasserhai geborgen wurde, ist schon seit langem bekannt. Von dort beschrieb 1847 der Bonner Geologe Georg August Goldfuß (1782-1848) den riesigen räuberischen Urlurch Sclerocephalus haeuseri („Hartschädel“), der bis zu zwei Meter Länge erreichte.

An den einstigen Fundstellen des Süßwasserhaies Orthacanthus in Rheinland-Pfalz sind seit 1986 private Grabungen nach Fossilien gesetzlich verboten. Seitdem gibt es von dort keine Neufunde privater Sammler mehr.

Der Süßwasserhai Orthacanthus aus dem Paläontologischen Museum Nierstein wurde vor längerer Zeit von dem Fossiliensammler Manfred Raisch aus Kaiserslautern in Heimkirchen entdeckt und geborgen. Er überließ vor einigen Jahren seinen seltenen Fund dem Museum, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt.

Das Paläontologische Museum Nierstein ist das Lebenswerk des verdienstvollen Hobbypaläontologen Arnulf Stapf aus Nierstein am Rhein, der sich schon als Neunjähriger für das Fossiliensammeln begeisterte und später von seinem Sohn Harald tatkräftig unterstützt wurde. Die beiden haben mit Unterstützung des Fördervereins „Freunde des Paläontologischen Museums Nierstein e. V“ eine Schausammlung aufgebaut, die weit und breit ihresgleichen sucht.

Kaum ein Museum in Deutschland dürfte eine so umfangreiche und eindrucksvolle Sammlung von Pflanzen, Insekten, Fischen und Amphibien (Sauriern) aus der frühen Permzeit zeigen wie das Paläontologische Museum Nierstein. Die Schau, in der auch viele andere Fossilien aus verschiedenen Perioden der Erdgeschichte zu bewundern sind, ist jeden Sonntag von 11:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Vater Arnulf Stapf oder Sohn Harald fungieren abwechselnd als sachkundige Museumsführer.

Harald Stapf hat die Steinplatte mit dem monströsen Süßwasserhai Orthacanthus senckenbergianus aus Heimkirchen aus zwanzig Einzelteilen zusammengeklebt. Für dieses „Hai-Puzzle“ benötigte er unendlich viel Geduld und insgesamt mehr als 250 Arbeitsstunden, um das Fossil von dem aufliegenden Sediment zu befreien.

Am 10. September 2005 wurde die rund 300 Kilogramm schwere Steinplatte mit dem Süßwasserhai aus dem Präparationssaal im Erdgeschoss des alten Niersteiner Rathauses, in dessen erstem Stock sich das Paläontologische Museum Nierstein befindet, in die Ausstellung transportiert. Viele Freunde, Förderer und Firmen betätigten sich dabei als wertvolle Helfer.

Die riesige Steinplatte mit dem Süßwasserhai überstand den gefahrvollen Transport ohne jeglichen Schaden. Der imposante Raubfisch zieht künftig jeden Sonntag in Nachbarschaft von räuberischen Urlurchen der Gattung Sclerocephalus die Besucher des Museums in ihren Bann.

Quellen