Wende im Übernahmepoker? Finanzholding des Emirats Katar wird neuer Großaktionär bei Hochtief

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Veröffentlicht: 21:40, 6. Dez. 2010 (CET)
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Unternehmenszentrale von Hochtief in Essen

Essen (Deutschland), 06.12.2010 – Überraschend zog der Essener Baukonzern Hochtief im Abwehrkampf gegen eine feindliche Übernahme durch den spanischen Baukonzern ACS heute eine neue Karte aus dem Ärmel: Das Emirat Katar wird wahrscheinlich bei Hochtief mit einem Anteil von 9,1 Prozent einsteigen. Hochtief kündigt im gleichen Zug eine Erhöhung seines Eigenkapitals um 10 Prozent an. Dadurch fließen dem Unternehmen 400 Millionen Euro zu.

Im Fachjargon nennen die Börsianer einen solchen Investor, der einem Übernahmekandidaten beispringt, einen Weißen Ritter. Das Engagement dieses „weißen Ritters“ bei Hochtief in Gestalt des Emirats Katar symbolisiert das Interesse des Wüstenstaates an dem Unternehmen und ist geeignet, die Aktienkurse von Hochtief an der Börse so in die Höhe zu treiben, dass dem Interessenten an einer feindlichen Übernahme, hier dem spanischen Baukonzern ACS, durch diese Verteuerung der Appetit an der Übernahme vergehen könnte. So bewerten jedenfalls Beobachter und Analysten den strategischen Schritt von Hochtief. Hochtief kündigte an, man werde sein Eigenkapital um einen Betrag von 10 Prozent erhöhen. Kaufberechtigt für die neuen Aktien seien nur solche Aktionäre, die bisher keine Aktien an Hochtief halten. Damit ist der Ankauf der Aktien durch die ACS-Gruppe ausgeschlossen, die seit Monaten daran arbeitet, ihren Anteil an Hochtief-Aktien über die 30-Prozent-Marke zu steigern, um dann schließlich schrittweise die Aktienmehrheit an Hochtief zu erwerben. Zurzeit hält ACS 29,98 Prozent, also knapp unterhalb von 30 Prozent der Hochtief-Anteile. Nach der Kapitalerhöhung durch Hochtief und der möglichen Übernahme dieser Aktien durch die Katar-Finanzholding sänke der relative Anteil von ACS an Hochtief auf 27 Prozent.

Offiziell sieht Hochtief keinen Zusammenhang zwischen dem Abwehrkampf gegen die feindliche Übernahme durch ACS und dem neuen Engagement der Finanzholding des Emirats Katar: „Das ist keine Abwehrmaßnahme“, erklärte das Unternehmen. Denn nach dem Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz muss sich ein Unternehmen gegenüber einem solchen Übernahmeangebot, wie es zurzeit von ACS vorliegt, neutral verhalten. Als Grund für den Erwerb von Unternehmensanteilen durch die Finanzholding aus Katar werden das Interesse an gemeinsamen Projekten im Emirat Katar angegeben. Diese Begründung klingt auch plausibel, wenn man davon ausgeht, dass Hochtief sich einen Namen als Stadionbauer gemacht hat und Katar gerade erst den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2022 erhalten hat.

Bei der Finanzholding aus Katar handelt es sich um einen Staatsfonds, der die aus der Öl- und Gasförderung stammenden Profite gewinnbringend anlegen will. Katar ist über ihre Finanzholding bereits an mehreren lukrativen Unternehmen beteiligt. So hält Katar 17 Prozent der Aktien bei dem Autobauer Volkswagen sowie 10 Prozent der Porsche-Stammaktien. In Großbritannien gehört ihnen die Kaufhauskette Harrods. Katar selbst erklärte, man verstehe sich selbst nicht als „weißer Ritter“ für Hochtief, sondern verhalte sich gegenüber einer Übernahme durch ACS neutral.

Marktbeobachter zweifeln daran, dass Hochtief mit der angekündigten Kapitalerhöhung und dem geplanten Einstieg Katars in dem Unternehmen die feindliche Übernahme durch ACS abwenden kann. Allerdings könnte sich der Übernahmepoker so noch Jahre hinziehen.

Die Aktien von Hochtief notierten am Nachmittag bei 62,91 Euro und so mit 4,6 Prozent im Plus.

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Quellen