Klinikärzte in Hessen und Baden-Württemberg streiken gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen und empfindliche Gehaltseinbußen

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Wiesbaden (Deutschland), 01.08.2005 – Als Auftakt bundesweiter Kundgebungen der deutschen Klinikärzte gingen am heutigen Montag mehrere hundert Mediziner hessischer und baden-württembergischer Universitätskliniken auf die Straße. An den Kliniken stellten währenddessen Notdienste die Patientenversorgung sicher.

An deutschen Kliniken gelten strenge Hierarchien. Die meisten Klinkärzte werden mit Zweijahres-, Jahres- oder sogar nur Halbjahresverträgen in ständiger Verunsicherung gehalten.

Dabei ist es weniger die nominelle Anhebung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 42 Stunden, die die Mediziner in Aufruhr versetzt, denn diese wird wie die bisherige Wochenarbeitszeit durch die zahlreichen unbezahlten Überstunden bei weitem überschritten. Mancher Klinikarzt arbeitet bereits jetzt bis zu 80 Stunden pro Woche. Der Protest richtet sich vor allem gegen die weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und gegen die existenzbedrohende Kürzung der Bezüge.

Hintergrund der Streiks ist das immer weiter anwachsende Missverhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Bezahlung. Die deutschen Klinkärzte sind einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit mit arztfremden Tätigkeiten beschäftigt, insbesondere mit Verwaltungstätigkeiten und der Eingabe von Daten in den Computer, was wegen des hohen Patientenandrangs beides überwiegend in unbezahlten Überstunden geschieht.

Deutsche Klinikärzte im öffentlichen Dienst erreichten bislang nur durch die geringen Zuschläge für Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdienste eine mit anderen akademischen Berufen vergleichbare Bezahlung.

Nach dem Ausstieg verschiedener Bundesländer – darunter Hessen und Baden-Württemberg – aus der Tarifgemeinschaft der Länder werden drastische Gehaltseinbußen erwartet. Die Kürzung des Weihnachts- und der Wegfall des Urlaubsgeldes wäre für die Mediziner angesichts der Leere der öffentlichen Kassen möglicherweise noch einzusehen, aber nach dem in Aussicht gestellten Wegfall des Ortszuschlages von 560 Euro nehmen die Gehaltseinbußen dramatische Dimensionen an. Werden die angekündigten Änderungen umgesetzt, verdient ein alleinstehender Assistenzart nur noch ca. 1.600 Euro im Monat.

Angesichts dessen sehen sich viele Klinikärzte vor die Wahl gestellt, entweder dem Arztberuf oder der Bundesrepublik den Rücken zu kehren.

Bereits jetzt sind ca. 6.000 deutsche Klinikärzte ausgewandert, während gleichzeitig ca. 6.000 Stellen an deutschen Kliniken unbesetzt bleiben. Die Gewerkschaft der Klinikärzte „Marburger Bund“ warnte davor, dass sich angesichts der jetzigen Entwicklung die Auswanderung junger Klinikärzte zu einem Massenphänomen entwickeln könne.

Seit Jahresanfang wirbt insbesondere Großbritannien deutsche Klinikärzte ab. Ihnen winken auf den britischen Inseln angenehmere Arbeitsbedingungen, eine höfliche und kollegiale Atmosphäre, die Freiheit von Verwaltungstätigkeiten und eine Bezahlung, die ein Vielfaches der deutschen Bezüge beträgt.

Neben Großbritannien und den USA sind vor allem Frankreich und Skandinavien attraktive neue Heimatländer für deutsche Mediziner. Abgesehen von den Beitrittsländern, stehen deutsche Klinikärzte mit ihrem Gehalt europaweit auf einem der letzten Plätze.

Quellen