27-Jährige wegen andauernder Misshandlung ihrer Tochter zu neun Jahren Haft verurteilt

aus Wikinews, einem freien Wiki für Nachrichten
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Artikelstatus: Fertig 18:20, 20. Jan. 2007 (CET)
Bitte keine weiteren inhaltlichen Veränderungen vornehmen, sondern einen Folgeartikel schreiben.
Gefahrensymbol „Ätzend“

Rostock (Deutschland), 20.01.2007 – Weil sie ihrer heute fünfjährigen Tochter Lea Marie über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg unter anderem Säure eingeflößt und die Haut verbrüht hat, wurde die 27-jährige Mandy N. am 12. Januar vom Landgericht Rostock zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und einem Schmerzensgeld von 30.000 Euro verurteilt. Das Gericht sah die Tatbestände der Misshandlung von Schutzbefohlenen, der gefährlichen Körperverletzung und des Betruges als erwiesen an. Ihrem 30-jährigen Mann Tilo, der weinend bestritt, von den Taten gewusst zu haben, konnte nur nachgewiesen werden, dass er seine Tochter mit einem Teppichklopfer verprügelt hatte. Er erhielt deshalb wegen Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit wurde auf zwei Jahre festgesetzt. Sein Verteidiger will jedoch in Revision gehen.

Das Gericht blieb damit bei Mandy N. unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren beantragte. Die Verteidigung beantragte sechs Jahre und drei Monate Haft. Bei der Urteilsverkündung war der Richter voller Zorn und Abscheu gegen Mandy N., als er die Urteilsbegründung vortrug. Nach Überzeugung des Gerichts handelte Mandy N. aus egoistischen Gründen und reiner Geldgier. Dabei sei sie kalkuliert vorgegangen. Es wurde von der Kammer als „unbegreiflich“ bezeichnet, dass niemand etwas gemerkt haben wollte.

Mandy N. hat nach Überzeugung des Gerichts in 24 Fällen über vier Jahre hinweg ihrer Tochter unter Anwendung von Gewalt ätzende Haushaltsreiniger verabreicht und einmal das Kind mit heißem Wasser verbrüht, um Versicherungsgeld zu erhalten. Die kleine Lea Marie wird Gutachten zufolge niemals gesund werden und dauerhaft entstellt bleiben.

Die Staatsanwaltschaft warf Mandy N. vor, ihre Tochter Lea Marie in insgesamt 31 Fällen über vier Jahre hinweg gequält, misshandelt und in Lebensgefahr gebracht zu haben. Tilo N. wurde angeklagt, da er von den Taten gewusst, aber nichts unternommen haben soll.

Der Angeklagte Tilo N. bestritt den ihm zur Last gelegten Vorwurf vehement. Mandy N. räumte hingegen ein, ihrer Tochter in mehr als 20 Fällen unter Anwendung von Gewalt Essigsäure und Kalkreiniger eingeflößt zu haben. Im Februar 2003, als Lea Marie 15 Monate alt war, verbrühte die Mutter ihre Tochter in der Badewanne mit heißem Wasser aus einem Kocher und stellte dies als Unfall hin, um eine Versicherungssumme von 864 Euro zu erhalten. Das Geld nutzte sie nach ihren Angaben, um Kleidung und Spielzeug für Lea Marie zu kaufen. Mandy N. gestand ebenfalls, ihre Tochter in mehreren Fällen mit einem Teppichklopfer geschlagen zu haben, als diese nicht habe einschlafen wollen. Dennoch behauptete sie, ihre Tochter zu lieben. Ein Motiv für die Taten nannte die Angeklagte nicht. Sie gab nur an, Lea Marie sei anstrengend gewesen und die Tage, als Lea Marie im Krankenhaus war, ruhevoll. Mandy N. sagte aus, sie habe sich überfordert gefühlt.

Lea Marie musste nicht vor Gericht aussagen. Stattdessen wurde ihre Vernehmung auf Video aufgezeichnet und im Gerichtssaal durch Abspielen in Augenschein genommen.

Lea Maries Gesundheitszustand

Die jahrelange Misshandlung kam ans Tageslicht, nachdem die Angeklagte ihre Tochter am Abend des 12. Juni 2006 in die Universitätskinderklinik Greifswald übergeben hatte. Das Mädchen, das nach Angaben ihrer Mutter gegenüber der diensthabenden Ärztin Krämpfe hatte und sich fortgesetzt übergab, hatte blutunterlaufene Striemen am Rücken, blutig verkrustete Verätzungen am Mund, Brandnarben an den Oberschenkeln, litt unter starken Schmerzen und befand sich in Lebensgefahr. Noch am selben Abend rief die Ärztin das Jugendamt und die Polizei, nachdem sie zweifelsfrei zur Feststellung gekommen war, dass das Mädchen Säure getrunken hatte und schwer misshandelt worden war. Am nächsten Tag wurden Mandy N. und ihr Mann Tilo festgenommen. Gegen Mandy N. ordnete der Haftrichter Untersuchungshaft an.

Bereits 2004 bemerkte eine Ärztin, dass Lea Marie verstört war und sich in einem schlechten Allgemeinzustand befand. Als sie daraufhin die Hausärztin und das Jugendamt in Kenntnis setzte und dem Jugendamt sagte, es solle öfter bei der Familie vorbeischauen, vermutete niemand eine Misshandlung des Kindes. Im November 2006 leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegen das Jugendamt und Vorermittlungen gegen die Hausärztin ein, die daraufhin behaupteten, dass sie keinen Grund gehabt hätten, an eine Misshandlung zu denken. Eine befragte Kindergärtnerin sagte aus, dass Mandy N. immer Geld für die Ausflüge dabei hatte. Die Nachbarn gaben vor Gericht an, dass Tilo N., Mandy N. und ihre Tochter Lea Marie „eine ganz normale Familie“ gewesen seien. Es sei nur manchmal etwas laut geworden. Als sie ein Klatschen gehört hatten, wonach Lea Marie geweint hatte, räumten die Nachbarn ein, nicht vorgehabt zu haben, deshalb eine Anzeige zu erstatten. Ob man immer eine Anzeige erstatten solle, wenn ein Kind weine, fragten sie. Man habe sich jedoch über den kaltherzigen Umgang mit Lea Marie gewundert. Auch Freunde der Familie bezeichneten diese als harmonisch.

Lea Marie muss seit mehreren Monaten zweiwöchentlich eine Klinik besuchen, in der ihr die durch Verätzungen von sechzehn auf vier Millimeter verengte Speiseröhre operativ erweitert wird. Es wird vermutet, dass dies noch jahrelang geschehen muss. Das Opfer ist durch Brandnarben dauerhaft entstellt und kann zur Zeit keine feste Nahrung aufnehmen. Staatsanwältin Petra Below befürchtet, dass es schlimm für die Tochter werden wird, wenn sie versteht, dass ihr das alles aus egoistischen Motiven von ihrer eigenen Mutter zugefügt wurde.

Seit dem Sommer 2006 lebt die heute Fünfjährige bei einer Pflegefamilie. Dort steht sie unter ständiger Kontrolle durch Ärzte.

Ursachen und Hintergründe

Mandy ist Ende der 1990-er Jahre, als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte, ohne Abschluss von Hauptschule und Hauswirtschaftslehre gegangen. Dafür wurde sie von Gleichaltrigen verspottet und manchmal sogar geschlagen. Manchmal fiel die junge Frau grundlos in Ohnmacht, um ihre Ruhe zu haben. Trotz dieser Biografie ist sie früh von zuhause ausgezogen, um allen zu beweisen, dass sie ein eigenständiges Leben führen kann.

Nachdem Mandys Freund Tilo bei ihr eingezogen war und die beiden, inzwischen verheiratet, im November 2001 ihr Wunschkind, die Tochter Lea Marie bekamen, schien das Familienglück perfekt. Tilo N. arbeitete jedoch oft lange auf dem Teterower Schlachthof, wo er als Gehilfe arbeitet, um Frau und Kind versorgen zu können. Dazu musste er oft Überstunden machen. Wenn er nach Hause kam, war er zu müde, um sich die Probleme von Mandy N. anzuhören. Die Frau musste sich alleine um Haushalt und Kind kümmern.

Mandy N. war enttäuscht von ihrem Leben und von dem Familienalltag, den sie sich schöner vorgestellt hatte. Eines Tages, als Lea Marie ein halbes Jahr alt war und unablässig schrie, fasste Mandy N. den Entschluss, ihrer Tochter einen mit Essigsäure versetzten Tee zu trinken zu geben. Dazu füllte sie ein Glas mit Essigsäure, füllte das Glas mit Tee auf und setzte sich ihre Tochter auf ihren Schoß. Dort wurde Lea Marie von ihrer Mutter gezwungen, das Gemisch zu trinken. Mehr als vier Jahre später behauptete Mandy N. bei der Polizei, dass das Geschehen so ablief, als ob sie neben sich gestanden hätte. Es sei ein Aussetzer gewesen.

Lea Marie weinte und spie unter großen Schmerzen, nachdem ihr das Tee-Essigsäure-Gemisch verabreicht wurde. Mandy N. rief daraufhin den Notarzt, dem gegenüber sie angab, nicht zu wissen, was mit Lea Marie los sei. Sie gab ebenfalls an, sich große Sorgen zu machen. Daraufhin nahm der Arzt das Opfer mit in die Klinik. Mandy N. hatte wieder ihre Ruhe. In den folgenden vier Jahren beging die Mutter weitere 27 ähnliche Taten. Dabei suchte sie immer andere Kliniken auf, in denen Lea Marie insgesamt 271 Tage verbrachte.

Die Kliniken kamen immer wieder zu ähnlichen Diagnoseergebnissen. Die Mediziner dachten an Mundsoor, Bronchitis und Erbrechen. Einmal wurde Lea Marie ein Inhaliergerät verordnet, ein anderes Mal wurde eine Immunschwäche festgestellt. Als das Mädchen einmal Blut gespien hat, fanden die Mediziner keine Blutungsquelle. Da sich das Mädchen im Krankenhaus schnell erholte, sah man von weiteren teuren Untersuchungen ab.

Im August 2006 rekonstruierte Lea Marie N. in einem Gespräch mit der Psychologin Evelyn Werner an einem Bett, als auch ein Polizist, ein Arzt und eine Krankenschwester anwesend waren, die Tat. Auf die Frage, wie es war, als sie den mit Essigsäure versetzten Tee schluckte, nahm die damals Vierjährige einen Teddybären und drückte ihn so auf den Boden, dass er dort mit dem Bauch nach oben lag. Anschließend hielt sie den Teddybären an den Armen fest und tat mit einem Puppenbecher so, als würde sie ihm etwas einflößen, was sie „bösen Tee“ nennt. Lea Marie erzählte, wie sie ihre Mutter anflehte, ihr nicht den Tee zu verabreichen, da ihr dieser schrecklich weh tat. Die Mutter habe darauf erwidert, dass Lea den Tee trinken müsse. Die Psychologin gab später vor Gericht an, dass sie hier die Behandlung abbrechen musste, da das Kind leichenblass wurde und Herzrasen bekam. Die Anwesenden mussten das Mädchen beruhigen.

In der Haftanstalt wurde Mandy N. von Psychiater Stefan Orlob untersucht. Er kam zu dem Ergebnis, dass keine tragende Erklärung für die Taten vorhanden sei, sich jedoch die emotionale Beziehung der Angeklagten zu ihrer Tochter vermutlich auf einem sehr niedrigen Level befand. Orlob konnte nicht feststellen, warum Mandy N. ihre Tochter immer wieder bei Lebensgefahr in Krankenhäuser brachte.

Mandy N. wurde von einem Gutachter untersucht, der feststellte, dass sie unterdurchschnittlich intelligent sei, jedoch in der Lage, einfache Regeln zu verstehen. Außerdem sei Mandy N. gefühlskalt. Sie wird dennoch als voll schuldfähig erachtet.

Das Gericht fand keine Antwort auf die Frage, ob man das Schicksal der kleinen Lea Marie hätte abwenden können.

Quellen