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Merz ruft zum Stahlgipfel ins Kanzleramt

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Veröffentlicht: 22:12, 11. November 2025 (CET)
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Merz ruft zum Stahlgipfel ins Kanzleramt
Deutsche Stahlindustrie steht unter Druck, die Regierung sucht nach Lösungen


Historische Aufnahme einer Stahlgießwanne beim Stahlkochen im VEB Stahl- und Walzwerk Gröditz, DDR, 1980

Berlin (Deutschland), 11.11.2025 Bundeskanzler Friedrich Merz hat am 6. November zu einem „Stahlgipfel“ ins Bundeskanzleramt geladen. Teilgenommen haben Vertreter der Bundesregierung, Ministerpräsidenten aus stahllastigen Bundesländern, Industrievertreter und Gewerkschaften. Thema waren mögliche Maßnahmen zur Sicherung von Produktion und Arbeitsplätzen angesichts hoher Energiepreise, Billigimporte und der kostenintensiven Umstellung auf klimafreundliche Verfahren.

Dabei machte der Kanzler bei dem zweistündigen Gipfel deutlich, dass die Lage der Stahlindustrie ernst sei: „Wir sprechen über das Schicksal einer Schlüsselindustrie“. Er kündigte an, die Bundesregierung werde sich verstärkt für Schutzzölle und andere Handelsinstrumente einsetzen, um Billigimporte zu begrenzen und die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Stahlproduktion zu sichern.

Gleichzeitig sollen kurzfristige Entlastungen – etwa durch niedrigere Energie- und Stromkosten – geschaffen und die Nachfrage nach grünem Stahl gezielt gefördert werden. Die EU-Kommission will die bestehenden Schutzinstrumente für die Stahlindustrie ausweiten: Die zollfreien Kontingente aus China sollen reduziert und für alle weiteren Importe ein Zollsatz von 50 Prozent eingeführt werden. Merz betonte, dass die Bundesregierung diese Maßnahmen konsequent begleiten werde. „Es brauche ein bisschen mehr europäischen Patriotismus“ fügte Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hinzu.

Unternehmenssprecher und Verbandsvertreter fordern verlässliche Rahmenbedingungen, insbesondere einen wirksamen Außenhandelsschutz. Immer mehr Subventionen in die EU stammen aus Ländern, deren Produktion durch staatliche Subventionen verzerrt wird – inzwischen betrifft dies rund ein Drittel der Einfuhren. Zugleich steht die Branche vor einer milliardenschweren Herausforderung. Der Umbau auf klimaneutrale Produktionsverfahren erfordert massive Investitionen in neue Technologien und Infrastruktur.

Bereits im Vorfeld des Gipfels hatte die IG Metall deutlich gemacht, dass sie verbindliche Vereinbarungen zwischen Politik und Industrie erwartet. Die zentralen Forderungen der Gewerkschaft umfassten eine aktive Zustimmung Deutschlands zu verschärften Handelsschutzmaßnahmen auf EU-Ebene, die Senkung der Industriestrompreise, einen konsequenten Abbau bürokratischer Hemmnisse sowie Vorgaben, dass bei öffentlichen Bau- und Infrastrukturprojekten bevorzugt heimischer, klimafreundlich produzierter Stahl eingesetzt wird.

Die Reaktion aus der Opposition fielen unterschiedlich aus. Die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel sprach von einem „Symbolgipfel statt Lösungen“ und kritisierte, dass Friedrich Merz einen Gipfel nach dem anderen inszeniere „während die Industrie in Deutschland kollabiert“. Sie forderte ein Ende der „planwirtschaftlichen Energie- und Subventionspolitik“. Aus den Reihen der Grünen kam hingegen Zustimmung zu den angekündigten Schutzmaßnahmen. „Wir müssen die europäische Stahlindustrie und Zehntausende Arbeitsplätze schützen und zukunftssicher machen. Das heißt Schutz gegen unfaire Angriffe von außen“, betonte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andreas Audretsch. Kritik kam auch von den Linken. Co-Parteichefin Ines Schwerdtner nannte den Gipfel einen „Reinfall“ und forderte, dass der Bund endlich selbst Verantwortung übernehmen müsse – etwa durch staatliche Beteiligungen oder Vergesellschaftungen. „Wir dürfen die Zukunft der Industrie nicht dem freien Markt überlassen“, so Schwerdtner gegenüber der „taz“.

Die Stahlindustrie spielt in Deutschland eine zentrale Rolle, da Stahl in zahlreichen Produkten unverzichtbar ist – vom Automobilbau über die Bauindustrie bis hin zum Maschinenbau. In Deutschland existieren mehr als 2.500 Stahlsorten, die direkt in der Branche rund 80.000 Menschen beschäftigen. Zu den größten Unternehmen zählen Thyssenkrupp Steel Europe, Salzgitter AG, ArcelorMittal, Dillinger Hütte und Saarstahl. Betrachtet man die gesamte stahlintensive Wertschöpfungskette, so sind nach der Wirtschaftsvereinigung Stahl etwa vier Millionen Beschäftigte involviert.

Im Jahr 2024 wurden in Deutschland rund 37 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt, das entspricht rund 28 Prozent der EU-Produktion von knapp 130 Millionen Tonnen. Die Produktion ist derzeit sehr CO2-intensiv, da Koks verbrannt wird, um dem Eisenerz den Sauerstoff zu entziehen (Fachbegriff: Reduktion). Eine klimafreundliche Alternative ist der Einsatz von Wasserstoff, bei dem als Abfallstoff lediglich Wasser entsteht. Das Problem: Der benötigte Wasserstoff steht bislang nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, weshalb Erdgas als Übergangslösung genutzt wird – eine teure und ressourcenabhängige Option.

Um die Transformation voranzutreiben, entstehen derzeit milliardenschwere Anlagen in Duisburg und Salzgitter, die staatlich gefördert werden.

(Labant)

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Quellen

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