Dschihadisten und Tuareg-Rebellen dringen vor
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Dschihadisten und Tuareg-Rebellen dringen vor
Verteidigungsminister Sadio Camara bei Selbstmordanschlag getötet
Bamako (Mali), 04.05.2026 –
Nach offensichtlich koordinierten Angriffen von Dschihadisten und Tuareg-Rebellen aus fünf malische Garnisonsstädte haben Russlands Truppen den Rückzug angetreten. In einer Erklärung riefen die Dschihadisten „alle aufrichtigen Patrioten, ohne jegliche Unterscheidung, dazu auf, sich zu erheben und unsere Kräfte in einer gemeinsamen Front zu vereinen“. Am 1. Mai 2026 meldeten Tuareg-Rebellen die Einnahme der Stadt Tessalit.
Al-Qaida verbundenen Dschihadistengruppe Jama'at Nusrat al-Islam wa-l-Muslimin (JNIM) am 30. April an „die politischen Parteien, die nationalen Streitkräfte, religiöse Autoritäten, traditionelle Anführer und alle Bestandteile der malischen Gesellschaft“. Das Ende der Junta sei „zwingend notwendig", um „einen friedlichen und inklusiven Übergang“ hin zu einem „neuen Mali“ zu ermöglichen. Wie sich die Dschihadisten diesen Staat vorstellen, haben sie auch gesagt. Es werde „eine der wesentlichen Prioritäten die Einführung der Scharia“ sein. Die JNIM hatte am Donnerstag mit der zuvor angekündigten Blockade von Bamako begonnen. Hunderte von Fahrzeugen mit Gütern wurden an der Weiterfahrt gehindert, insbesondere die Straßen zu den wichtigen Hafenstädten Conakry, Abidjan und Dakar. Gleichzeitig hatten die Dschihadisten allen gedroht, die sich noch auf dem Weg in die Hauptstadt befänden.
Die Tuareg-Rebellen hatten Tessalit offenbar ohne Gegenwehr übernommen. Malische Armee und russische Söldner hätten die Stadt bereits verlassen gehabt. Dies bestätigten Sicherheitskreise in Gao gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP). Der Stützpunkt Tessalit liegt nahe der algerischen Grenze. Hier gibt es eine Landebahn für Militärflugzeuge. Es ist unklar, ob und welches Militärmaterial beim Rückzug der malischen Armee und der russischen Söldner zurückgeblieben ist.
Bereits am Wochenende des 25. bis 27. April hatten Kämpfer der JNIM, offenbar abgestimmt mit der Front de libération de l'Azawad (FLA), die sich hauptsächlich aus Angehörigen der Volksgruppe der Tuareg zusammensetzt, Angriffe auf die Städte Kati, Bamako, Sevare, Gao und Kidal geführt. Es seien andere Waffen als zuvor eingesetzt worden, darunter auch Drohnen, sagte Ulf Laessing, der das Sahel-Programm der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Bamako leitet. Die Angriffe sind Beobachtern zufolge die heftigsten seit 2012. Von 2013 bis 2023 hatte die UN-Friedensmission MINUSMA die Lage in Mali stabilisiert. Doch Ende 2023 mussten die Blauhelmsoldaten das Land verlassen.
Nach Angaben nigrischer Behörden seien Einheiten des AES-Staaten gegen Ziele in Nordmali vorgegangen. Die Truppen hätten „in den Stunden nach den feigen Angriffen vom 25. April 2026 in Gao, Ménaka und Kidal intensive Luftkampagnen“ geflogen.
Nach Angaben von Regierungschef Assimi Goïta sei die Lage in dem Land „äußerst ernst", aber „unter Kontrolle“ – so wandte sich der Chef der Militärregierung im staatlichen Rundfunk. Gleichzeitig rief er die Bewohner des Landes zur Ruhe und zum Zusammenhalt auf. Assimi Goita war 2020 an die Macht gekommen, weil das Militär gegen die Zivilregierung geputscht hatte und er in der Militärregierung Vizepräsident wurde und er sich 2021 selbst an die Macht putschte. Wahlen hatte er mehrfach versprochen und dann wieder verschoben Die derzeitige Militärregierung hat sich 2020 und erneut 2021 an die Macht geputscht. Sie gilt als geschwächt, seit die JNIM 2025 eine Treibstoffblockade verhängte.
In einem Interview der Deutschen Welle mit Nina Wilen, der Direktorin des Afrikaprogramms am Egmont-Institut für internationale Beziehungen, bezeichnete diese die Ereignisse als „beispiellos in der Geschichte Malis“. Sie würden zeigen, „wie stark die JNIM im vergangenen Jahr geworden ist“. Wilen nannte „die Tatsache, dass der malische Militärgeheimdienst nicht in der Lage war, die bevorstehenden Angriffe zu erkennen (…) ein schwerwiegendes Versagen.“
Am Samstag, den 25. April, war der Malische Verteidigungsminister Sadio Camara nach Regierungsangaben durch einen Selbstmordanschlag der JNIM getötet worden. Demnach sprengte sich der Attentäter in einem mit Sprengstoff beladenen Auto vor der Privatresidenz Camaras in Kati in die Luft. Bei dem Anschlag wurden auch die zweite Ehefrau Camaras sowie zwei seiner Enkelkinder getötet. Die Garnisonsstadt Kati ist etwa 15 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Bamako und Sitz der Übergangsregierung. Camara wurde vermutlich aus zwei Gründen Ziel der Attentäter. Er sei einerseits als Nummer 2 der Militärregierung „eine sehr symbolträchtige Figur für die Militärjunta;“ so Wilen. „Der zweite Grund ist, dass Camara die führende Rolle beim Aufbau der Beziehungen zu Russland gespielt hat. Ihn anzugreifen, kann also auch eine Art sein zu sagen: Wir wollen die russischen Truppen hier nicht mehr haben.“
Durch den Angriff eroberten die Tuareg-Rebellen Kidal im Nordosten Malis zurück. Die malische Armee hatte 2023 Kidal mit Hilfe der Wagner-Gruppe von den Tuareg-Rebellen erobert, die bis dato dort eine Hochburg hatten. Doch habe sich die Lage inzwischen verändert. „Die malische Armee ist extrem schwach. In den letzten Jahren kontrollierte sie lediglich die städtischen Zentren. Aber ganze ländliche Gebiete waren außer Kontrolle“, sagte Djallil Lounnas von der Al-Akhawayn-Universität der Deutschen Welle.
Am 27. April teilte das vom Kreml kontrollierte Afrika-Korps, das die Nachfolge der Wagner-Gruppe angetreten hat, mit, dass sich seine Truppen aus Kidal zurückgezogen haben. Dem Rückzug waren schwere Kämpfe vorausgegangen. Die russischen Söldner waren bereits im August 2024 in einen Hinterhalt der Tuareg-Rebellen in Nordmali geraten. Doch Lounnas glaubt, dass die Russen nicht mehr haben tun können. sie hätten wegen des Ukrainekrieges nur 600 bis 1000 Mann in Mali zur Verfügung.
DIe FLA hat unterdessen Russland aufgefordert, seine Truppen dauerhaft aus Mali zurückzuziehen. Dies meldete AFP unter Berufung auf den FLA-Sprecher Mohamed Elmaulud Ramadan. Die FLA werde neben der Region Gao auch die Regionen Menaka und Timbuktu im Norden Malis erobern. Den FLA-Angriffen auf das Azawad-Gebiet im Norden Malis sowie der JNIM auf Bamako und andere Städte „werde die Junta nicht standhalten können“, sagte Ramadan. Es gebe für die Militärregierung kein Möglichkeit zum Machterhalt.
Ulf Laessing zeigte sich von der Zusammenarbeit der Tuareg-Rebellen mit den Dschihadisten überrascht. „Sie haben einen gemeinsamen Feind. Sie haben 2012 gemeinsam einen Angriff gestartet und den Norden Malis eingenommen.“ Doch später hätten die Dschihadisten die Tuareg-Rebellen nicht mehr unterstützt.
Die Dschihadistenmiliz Jama'at Nusrat al-Islam wa-l-Muslimin existiert seit 2017 und verfügt über bis zu 7000 Kämpfern. Außer in Mali, Burkina Faso und Niger kämpft die Gruppe auch in Benin, der Elfenbeinküste, Nigeria und Togo.
Doch Djalil Lounnas weist auf die starken Verbindungen hin. „Sie haben alle denselben stammesgeschichtlichen Hintergrund. Und sieh haben gemeinsam gekämpft. Es sei allerdings nicht zu erwarten, dass die Rebellen bis Bamako vordringen. Dazu hätten sie nicht genug Truppen. Ziel sei vielmehr die Auslösung eines Aufstands gegen die Regierung. „Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass dies geschieht. Die meisten Menschen sind unzufrieden mit der Lage in Mali, aber sie stehen weiterhin hinter der Regierung, weil sie nicht von Dschihadisten regiert werden wollen.“
Die Allianz der Sahelstaaten (AES), der neben Mali die Nachbarstaaten Burkina Faso und Niger angehören verurteilte die Angriffe wortreich. Das Staatenbündnis sei „eher ein Bündnis auf dem Papier als in der Praxis“, sagte Nina Wilen der Deutschen Welle. Burkina Faso und Niger seien selbst in den Abwehrkampf gegen Dschihadisten involviert und dürften kaum über Kapazitäten verfügen, Mali bei der Abwehr der Angriffe mit eigenen Truppen zu helfen.
Mahmoud Ali Youssouf, der zur Zeit der Kommission der Afrikanischen Union (AU) vorsitzt, verurteilte die Angriff scharf, da diese „die Zivilbevölkerung einer erheblichen Gefährdung aussetzt. Der scheidende UN-Generalsekretär Antonio Gutteres verlangte eine „koordinierte internationale Unterstützung“ und verurteilte den „gewalttätigen Extremismus“. Das deutsche Auswärtige Amt hat die deutschen Staatsbürger augefordert, Mali möglichst zu verlassen und Reisen dorthin aufzuschieben. Die Außenbeauftragte der Europäischen Union Kaja Kallas sagte: „Wir bekräftigen unsere Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus sowie unser Engagement für Frieden, Sicherheit und Stabilität in Mali und in der gesamten Sahelzone.“ (Matthiasb)
Links
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Quellen
- tagesschau.de: „Gegner der Junta wählen neue Taktik“ (27.04.2026)
- stern.de: „Dschihadisten in Mali rufen zu „gemeinsamer Front“ gegen Junta auf - Tuareg rücken vor“ (01.05.2026)
- tagesspiegel.de: „Dschihadisten greifen landesweit Junta an: Malis Verteidigungsminister durch Selbstmordattentat getötet“ (27.04.2026)