Wikinews:Redaktion Bildung/Interviews/Kultusministerkonferenz

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Veröffentlicht: 17:13, 8. Sep. 2008 (CEST)
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Interviewfragen für die Kultusministerkonferenz

  1. Deutsche Gymnasien sind von der Idee her universitätsvorbereitende Schulen; zwischen den Lehrplänen der Schulen und den Erwartungen der Universitäten gibt es jedoch speziell im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich große Differenzen. Ist die Einführung des 8-jährigen Gymnasiums nicht eher geeignet das Problem zu verschärfen als zu mindern? Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems sollen in Universitäten jeder vierte Bachelorstudent abbrechen, in Fachhochschulen sogar jeder dritte.[1] Vor allem ein Teil der Ingenieurwissenschaften und der Naturwissenschaften weist einen hohen Studienabbruch auf.[2] Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider erwähnte in einem Interview gegenüber der Süddeutschen Zeitung "spürbare Kürzungen etwa bei Geschichte, Biologie, Physik und Geographie - bis zu einem Neuntel des Stoffs im Vergleich zum G9" in seinem G8-Reformkonzept.[3]
  2. Warum gibt es in Deutschland regulär kein angehobenes Niveau oberhalb dem eines Leistungskurses, ähnlich dem International Baccalaureate oder dem Advanced Placement Program? Die Übergangsquote der Studienberechtigten zu Studierenden betrug im Jahr 2000 76,1%[4] und der Anteil der mathematisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern (Biowissenschaften 3,4%, Physik 4,4%, Mathematik/Statistik 2,0%, Informatik 6,0%[5]) unter den Studienabsolventen betrug 2006 15,8%.[4] Der Anteil zukünftiger Studienabsolventen mathematisch-naturwissenschaftlicher Studienfächer in der gymnasialen Oberstufe liegt also bei etwa 11% (mit dem Bereich Ingenieurwesen sind es 22%). Erfordert die gymnasiale Oberstufe eine größere Teilnahme von Schülern ohne weiterführende Interessen an den gleichen Leistungskursen wie zukünftige Studenten? Könnte das Auswirkungen auf Niveau und Lernmotivation in den kritischeren MINT Fächern haben? Ein "Leistungskurs Plus" könnte beispielsweise die gleichen Abituraufgaben bekommen aber ein freiwilliges, höheres Niveau im Kurs anstreben, was auch durch zusätzliche Selbstlernmodule erreicht werden könnte.
  3. Nach einer Studie des ZDF[6] läßt die Begeisterung der Schüler für Schule zur Mittelstufe hin nach. Warum wird die Lernmotivation der Schüler nicht gezielter gefördert? (z.B. mit Mentoren und individuellen Lehrplänen, abgestimmt mit Projekten, Arbeitsgruppen und Wahlfächern)
  4. Fehlende Lernmotivation und psychologische Pubertätsmerkmale können bei Schülern das psychologische Phänomen erlernter Hilflosigkeit fördern.[7] In den USA waren 2005 drei Millionen Jugendliche, mit steigender Tendenz, an Mentorenprogrammen in Schulen und anderen Einrichtungen beteiligt.[8] Warum werden Programme wie das Schülermentorenprogramm in Baden-Württemberg nicht weiter ausgedehnt, besonders nach dem Vorbild der Eduard-Spranger-Schule in Reutlingen[9]?
  5. Die im Grundgesetz verankerte Privatautonomie garantiert, dass jeder frei seinen Willen bilden, äußern und diesem Willen entsprechend handeln kann. Freier Wille ist aber, nach Harry Frankfurt, abhängig von der Existenz höherstufiger Wünsche. Bedeutet das etwas für das Schulwesen?
  6. Das dreigliedrige deutsche Schulsystem enthält für Realschüler und Hauptschüler den impliziten Nachteil, daß ihnen intelligentere Mitschüler vorenthalten werden. Könnte man daraus eine moralische Verpflichtung für Gymnasiasten herleiten sich als Tutoren und/oder Mentoren zur Verfügung zu stellen? Wenn ja, was spräche gegen ein verpflichtendes Mentorensystem (zum Vorteil beider Gruppen[10])?
  7. Die Nikolaus-August-Otto-Hauptschule in Berlin-Lichterfelde fordert als erste und bisher einzige Schule in Deutschland verbindliche STEP-Elternkurse, die von der Schule selbst veranstaltet werden.[11] Es erscheint sinnvoll, daß Lehrer ihre pädagogische Bildung nutzen um Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, was letztendlich auch die Arbeit der Lehrer in der Schule angenehmer und sinnvoller werden läßt. Wann kommt der verbindliche Elternführerschein? Artikel 6 GG stellt die Familie unter besonderen Schutz aber deligiert die Verantwortung dafür an eine Personengruppe (die Eltern), die keine formale Qualifikation aufweist.
  8. Im Crick report[12] der Advisory Group on Citizenship der britischen Regierung vom 22 September 1998 heißt es "It is vital that pupils are provided with structured opportunities to explore actively aspects, issues and events through school and community involvement, case studies and critical discussions that are challenging and relevant to their lives." Was ist zu erwarten, damit Schüler in Deutschland demokratische Erziehung als relevant für ihr Leben und als Herausforderung ansehen können?[13]
  9. Theoretische Bildung ist nicht Theoriebildung - was sollten Schulen unternehmen um Theoriebildung zu lehren? Sollte Schule nicht viele, leicht widerlegbare Hypothesen anbieten? Es liegt in der Natur der Wissenschaft, daß die meisten Hypothesen verworfen werden müssen; wie soll man das aus Schulbüchern lernen, die Theoriebildung nicht als vorrangiges Ziel verfolgen?
  10. Mathematik beispielsweise stellt inhaltlich einen unnötigen, kritischen Pfad im Curriculum dar. Sollte man dem Beispiel des Advanced Placement Programs folgen und das Fach Mathematik in der Oberstufe auf mehrere, unabhängige Kurse ausweiten, die auch gleichzeitig belegt werden können? (z.B. Stochastik, Lineare Algebra, Infinitesimalrechnung). Zwei spezialisierte Mathematik Grundkurse könnten als ein Leistungskurs gewertet werden.
  11. Praktische Philosophie ist nicht angewandte Pädagogik, auch wenn eine starke Affinität besteht;[14] sollten Mittelstufenschüler nicht schon Pädagogik lernen und auch anwenden, z.B. in Junior-Mentorenprogrammen?
  12. Sollte man in Deutschland Selbstlernmodule in der Oberstufe nach dem Vorbild des Selbstlernsemesters erwägen? Könnte man angehenden Studenten beispielsweise ein freiwilliges Jahr 13 mit Elementen von Frühstudium/SchülerUni und Selbstlernsemester als Universitätsvorbereitung anbieten (nicht unähnlich der Advanced Highers Qualifikation in Schottland)?[15] Ein Jahr 13 gibt es auch an US-amerikanischen High Schools für Schüler, die noch nicht alle notwendigen Kurse abgeschlossen haben; ein Oberstufenkurssystem das Schüler nicht auf einen Jahrgang festlegt könnte es dem Schüler überlassen das Jahr 13 zu planen oder zu vermeiden.

[Bearbeiten] Referenzen

  1. tagesschau.de, 14.02.2008: Studie des Hochschul-Informationssystems. Mehr als jeder vierte Bachelorstudent bricht ab.
  2. his.de: Weniger Studienabbrecher an deutschen Hochschulen, beim Bachelor in einigen Bereichen problematische Entwicklungen
  3. sueddeutsche.de: Wir wollen den Stoff reduzieren
  4. 4,0 4,1 Statistisches Bundesamt: Nichtmonetäre hochschulstatistische Kennzahlen - Fachserie 11 Reihe 4.3.1 - 1980 - 2006
  5. Definitionen, Abgrenzungen und Berechnungsmethoden in der obigen Statistik nach OECD: Education at a Glance 2004
  6. ZDF-Studie zum Glück der Kinder in Deutschland
  7. Baylor University's Community Mentoring for Adolescent Development (CMAD) Mentor Trainer's Manual
  8. Mentoring in America 2005: A Snapshot of the Current State of Mentoring
  9. blk-demokratie.de: Eduard-Spranger-Schule Reutlingen
  10. Why mentoring? What's in it for me? (Mentoring Handbook, Wikibooks)
  11. Berliner Hauptschule verlangt Teilnahme an Erziehungskurs
  12. Qualifications and Curriculum Authority: Crick report
  13. z.B. Wikiversity assistant teacher program: Democracy
  14. Wikiversity assistant teacher program: Practical philosophy
  15. z.B. Wikiversity assistant teacher program: Allowing for changing interests
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