Schweres Erdbeben vor der japanischen Küste löst verheerenden Tsunami aus

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Veröffentlicht: 11:55, 12. Mär. 2011 (CET)
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Tōkyō (Japan), 12.03.2011 – Am Freitag, den 11. März um 14:45 Uhr japanischer Zeit (11. März 2011 05:46:23 UTC) hat ein schweres Erdbeben der Stärke 8,9 auf der Momenten-Magnituden-Skala mit einem Epizentrum rund 370 Kilometer nordöstlich von Tōkyō und einem Hypozentrum in zirka 25 Kilometern Tiefe einen schweren Tsunami ausgelöst. Intensitäten bis Stärke 7 auf der JMA-Skala wurden angegeben, Stärke 7 in Kurihara (Präfektur Miyagi), Stärke 6 in zahlreichen Gemeinden im Norden Miyagis, darunter Teile der Stadt Sendai sowie schwache 6 oder starke 5 in weiten Teilen der Pazifkseite Ostjapans, darunter mehrere Bezirke der Präfektur Tōkyō und Teile der Stadt Yokohama (Präfektur Kanagawa).

Die zehn Meter hohe Flutwelle traf Japans Nordostküste zuerst nahe der Großstadt Sendai (130 Kilometer westlich des Epizentrums) und verursachte schwere Schäden. Die Zahl der Toten steigt weiterhin. Die Polizei hat inzwischen bestätigt, dass an einem Strandabschnitt in der Nähe von Sendai zweihundert bis dreihundert Leichen entdeckt wurden. Viele Einwohner würden jedoch vermisst, gaben die Behörden bekannt. Unter anderem hat man keine Kenntnis von dem Verbleib eines Passagierschiffes mit mehr als 100 Menschen an Bord, das vom Tsunami mitgerissen wurde. Vermisst werden auch in den Präfekturen Miyagi und Iwate vier Eisenbahnzüge, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Wie viele Menschen insgesamt vermisst werden, lässt sich derzeit nicht abschätzen

Ersten Berichten aus Tōkyō zufolge erschütterten die Erdstöße minutenlang die japanische Hauptstadt. Es kam in der Stadt zu einigen Bränden. Mindestens vier Millionen Einwohner des Großraumes Tōkyō sind ohne Strom. In der Nähe von Tōkyō brennt eine Ölraffinerie. Der Flughafen in Tōkyō und die U-Bahn haben ihren Betrieb eingestellt. Fahrende Shinkansen-Züge wurden automatisch angehalten. Der Flughafen in Sendai wurde von einer zehn Meter hohen Flutwelle überschwemmt.

Ostjapan mit dem Epizentrum des Erdbebens
KKW Fukushima

Das Pacific Tsunami Warning Center (PTWC) in Honolulu hat für den gesamten Pazifik eine Tsunamiwarnung der höchsten Stufe ausgegeben. Diese betraf zunächst Japan, die Pazifikküste Russlands, die Marcusinsel, die Nördlichen Marianen, Guam, Wake und Taiwan, wurde jedoch schon bald auf alle Anrainerstaaten des Pazifischen Ozeans erweitert. Es ist das zweite Mal, dass für das gesamte Meeresgebiet zwischen Asien, Australien und Amerika die höchste Warnstufe ausgerufen wurde.

Der Tsunami war wie zuvor in Taiwan und auf den Philippinen an der indonesischen Küste niedrig, die Bewohner haben dennoch höhere Gebiete aufgesucht, denn es herrschte bei der Bevölkerung, die sich noch gut an die Auswirkungen des Seebebens im Indischen Ozean 2004 erinnerten, große Beunruhigung. In Hawaii kam es nach ersten Berichten nicht zu wesentlichen Schäden, doch in Hilo auf Big Island erreichte der Tsunami eine Amplitude von 141 Zentimetern und in Kahului auf Maui 174 Zentimetern. Schon früher am Tag wurden in Pago-Pago auf Amerikanisch-Samoa 34 Zentimetern und in Saipan 65 Zentimeter gemessen. An der Insel Manus in Papua-Neuguinea betrug die Amplitude 93 Zentimeter.

An der Küste Kaliforniens und Oregons erwarteten die US-Behörden eine zwei bis drei Meter hohe Flutwelle. Sie forderten deswegen die Bevölkerung auf, die Strände zu meiden. Auf dem Highway 101 kam es vereinzelt zu Stauungen durch erhöhten Verkehr. US-Präsident Barack Obama betonte in einer Pressekonferenz die Aufforderung an die Anwohner an der Pazifikküste der Vereinigten Staaten, „wenn man ihnen sagt, sie sollen sich in Sicherheit bringen, dann tun Sie, was man Ihnen sagt.“ Die Warnungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht ausreichend ernstgenommen haben drei Männer an der Mündung des Klamath Rivers im Norden von Kalifornien. Sie wurden von der Flutwelle erfasst. Zwei von ihnen konnten zurück ans Ufer gelangen und Hilfe herbeirufen, doch der dritte wird bislang erfolglos von der Küstenwache der Vereinigten Staaten mit Hubschraubern gesucht. Vier weitere Personen mussten vor der Küste Oregons aus ähnlicher Lage gerettet werden. Nach den Angaben der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) betrug die Amplitudenhöhe des Tsunamis im nordkalifornischen Crescent City 202 Zentimeter, Santa Barbara 99 Zentimeter und im mexikanischen Manzanillo 145 Zentimeter. Acapulco meldete 77 Zentimeter. Der Gouverneur Kaliforniens, Jerry Brown erklärte für vier Countys im Norden des Bundesstaates den Notstand, da „Bedingungen der extremen Gefahr für die Infrastruktur und die Sicherheit von Personen und Eigentum innerhalb der Countys Del Norte, Humboldt, San Mateo und Santa Cruz“ vorliegen würden. Genaue Berichte über die Höhe der Schäden an der Westküste der Vereinigten Staaten liegen noch nicht vor. Durch die Wellen des Tsunami wurden in der kleinen Küstenstadt Fort Bragg im Mendocino County Hafenanlagen beschädigt, die Einfahrt zum Hafen wurde durch Trümmer blockiert.

Auf Französisch-Polynesien und Australien sowie auf den Hauptinseln Neuseelands wirkte sich der Tsunami mit Amplituden zwischen 20 und 40 Zentimetern aus. Teilweise über einen Meter hoch war der Tsunami noch an der Küste Südamerikas, dessen Südspitze die Flutwelle erst rund 24 Stunden nach dem Erdbeben erreichte. In La Libertad, Ecuador wurde der Tsunami mit einer Amplitude von 123 Zentimetern verzeichnet; auf den zu Ecuador gehörenden Galapagosinseln wurde der Tsunami bereits einige Stunden zuvor mit 177 Zentimetern registriert. An der Küste Chiles wurden die höchsten Amplituden in Caldera mit 141 Zentimetern und in Coquimbo mit 145 Zentimetern gemessen. Beide Städte liegen im Norden des Küstenstaates.

In Tōkyō hat das Erdbeben mehrere Brände ausgelöst.

Laut Medienberichten wurden elf von landesweit insgesamt 55 Kernkraftwerken automatisch heruntergefahren. Die japanische Regierung hat als Vorsichtsmaßnahme einen „atomaren Notstand“ erklärt, weil ein Kühlsystem eines Kernkraftwerks ausgefallen war. Im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi gab es Probleme mit dem Herunterkühlen des Reaktors, weil nicht ausreichend elektrische Energie zur Verfügung stehe. Laut Medienberichten, die sich auf die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln berufen, lief die Reaktorkühlung des Reaktors in Fukushima Daiichi nur noch mit Hilfe eines Notstromaggregates. Wenn die Stromversorgung ganz ausfallen sollte, drohe schlimmstenfalls eine Kernschmelze, sagte GRS-Sprecher Sven Dokter. Mitarbeiter des Reaktorbetreibers, Tokio Electric Power, bemühten sich um die Wiederherstellung der Notstromversorgung des Werks, um wieder Wasser in die Reaktoren pumpen zu können, in denen der Wasserstand bedrohlich abgenommen hatte. Nach Angaben der japanischen Atomaufsicht wird zurzeit versucht, aus einem anderen Kernkraftwerk eine Ersatzbatterie für den Notbetrieb des Kühlsystems zu beschaffen. Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Jiji Press ist es in Reaktor Nummer Eins zu einem Druckanstieg gekommen. Konkret bestehe das Risiko eines Strahlungslecks. Um den Druck zu mindern, wurde erwogen, Dampf aus dem Reaktor abzulassen. Dabei könnte Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt werden.

Zum Zeitpunkt des Bebens waren drei von insgesamt sechs Siedewasserreaktoren des Kraftwerks in Betrieb, die sich dann automatisch abschalteten, als das Erdbeben begann. Die Regierung hat inzwischen die Evakuierung einer Zone von zwei Kilometern um dieses Kernkraftwerk angeordnet. Davon waren zunächst rund 3.000 Menschen betroffen. Zur Unterstützung der Evakuierung schickte die Regierung Armee-Einheiten in die Region. Auch die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho im Nordosten Japans wird nur noch mit Notstrom gekühlt.

Die Nachrichten von dem Erdbeben haben die Kurse mehrerer Rückversicherer gedrückt. An der Frankfurter Börse fiel der Kurs der Munich Re bei der Eröffnung des Handels um 4,8 Prozent und der Kurs der Allianz um 1,6 Prozent. Auch die Kurse von Swiss Re und Hannover Re fielen um über vier Prozent. Schwächer schlossen auch die Märkte in Asien. Der Hang Seng schloss um 1,6 Prozentpunkte schwächer, die Börse in Shanghai verlor 0,8 Prozentpunkte. An der Tōkyōter Börse ging der Nikkei-Index um 1,7 Prozentpunkte zurück.

Nach den Angaben der US-amerikanischen Erdbebenwarte war das Erdbeben das stärkste, das Japan seit Beginn verlässlicher Aufzeichnungen getroffen hat und das weltweit fünftstärkste seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die stärksten Erdbeben seit 1900
Ort Datum Stärke
Valdivia, Chile 22.05.1960 9,5
Prince William Sound, Alaska 28.03.1964 9,2
Westlich Sumatra 26.12.2004 9,1
Kamtschatka 04.11.1952 9,0
Japan 11.03.2011 8,9
Vor Maule, Chile 27.02.2010 8,8
Vor der Küste Ecuadors 31.01.1906 8,8
Rat Islands, Alaska 04.02.1965 8,7
Nordsumatra 28.03.2005 8,6
Assam 15.08.1950 8,6
Südsumatra 09.03.1957 8,6
Quelle: USGS National Earthquake Information Center

Wissenschaftler vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam rechnen auch in den nächsten Monaten mit weiteren schweren Nachbeben. Als Ursache des Erdbebens machten die GFZ-Forscher Verschiebungen von Erdplatten im Pazifischen Ozean aus. Birger-Gottfried Lühr vom GFZ erklärt das so: „Die Pazifische Platte taucht unter die Eurasische Platte.“ Das Beben in Japan befindet sich in einer Zone rund um den Pazifik, die als „Pazifischer Feuerring“ bekannt ist. Dieser kennzeichnet die Ränder der Pazifischen Platte, an denen sich zahlreiche Vulkane befinden und wo auch immer wieder Erdbeben stattfinden. Die Pazifischen Platte bewegt sich in 100 Jahren um zwölf Meter (Plattentektonik) – genug, um tektonische Spannungen aufzubauen, die sich periodisch in Erdbeben und Vulkanausbrüchen entlang der Plattengrenzen entladen und so Tsunamis verursachen können.

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Wikipedia-logo-v2.svg In Wikipedia gibt es den weiterführenden Artikel „Tōhoku-Erdbeben 2011“.

Quellen