Keine Chomsky-Bücher für Guantanamo-Häftlinge?

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Veröffentlicht: 22:21, 13. Okt. 2009 (CEST)
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Noam Chomsky

Guantanamo-Bucht (Vereinigte Staaten), 13.10.2009 – Laut einem Bericht des „Miami Herald“ haben Zensoren des US-Militärs die Aufnahme eines Buches des emeritierten US-amerikanischen Linguistikprofessors und linken Intellektuellen Noam Chomsky in die Bibliothek des Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba verweigert. Ein Anwalt hatte das Buch in einer arabischen Übersetzung für Ali Hamza al Bahlul, einen ehemaligen Medienberater von Osama bin Laden, spenden wollen. Ein Militärgericht hat Bahlul zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen der Verbreitung von Werbung für den Terrorismus verurteilt. Er ist der derzeit einzige Verurteilte, der im Lager in der Guantanamo-Bucht inhaftiert ist.

Die Bibliothek des Lagers umfasst mehr als 16.000 Bände, darunter Werke aus den Kategorien Fiktives, Kunst, Mathematik, Geschichte, Religion, Politik und Zeitgeschichte. Neben Büchern und Zeitschriften werden auch Videos in der Bibliothek geführt. Vertreter des US-Militärs äußerten sich unter Berufung auf Sicherheitsgründe nicht darüber, warum Chomskys Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2007, in der er über die US-Außenpolitik nach dem 11. September 2001 schreibt, nicht für die Guantanamo-Häftlinge geeignet sei. Brook DeWalt, ein Guantánamo-Sprecher, sagte aber, jedes für die Bibliothek vorgeschlagene oder empfohlene Buch werde überprüft. Zudem gab er bekannt, dass kein einziges Buch von Chomsky in die Bestände aufgenommen worden sei.

Bei der Überprüfung gehe es um Sicherheitsfragen, die im Zusammenhang mit der „Dynamik im Lager“ stünden, wie der Einfluss auf die gute Ordnung und Disziplin. Kriterien, die die Militärbehörden sonst bei Auswahl des Lesestoffs für die Insassen des Lagers anwenden, sind das Verbot von antiamerikanischen, antisemitischen, antiwestlichen Schriften. Auch Bücher über „militärische Themen“ und Literatur, in denen exzessive Gewaltdarstellungen und die Darstellung „sexueller Störungen“ dargestellt werden, seien nicht erlaubt. Wie Mitarbeiter der Bücherei berichten, zählen die Harry-Potter-Romane, ein französisches Kochbuch, Lehrwerke über den Koran und Videos von Fußball-Weltmeisterschafts-Qualifikationsspielen zu den am häufigsten ausgeliehenen Beständen.

Der 80-jährige Chomsky ist seit dem Vietnamkrieg als prominenter Kritiker der US-Außenpolitik in Erscheinung getreten. Auf die Nachricht des „Miami Herald“ reagierte er irritiert und spöttisch. „So etwas passiert manchmal unter totalitären Regimen“, sagte er der Zeitung. Weiter weist Chomsky darauf hin, dass das Buch lediglich Kommentare enthalte, die er für die „New York Times“ geschrieben habe und die auch dort erschienen seien.

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Quellen