Benutzer:Mathias Schindler/Die erste Woche

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noch nicht fertig


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Vorbemerkung

Vor einigen Wochen gab es ein exzellentes Bashing auf faz.net gegen die Netzeitung, die dann über ein paar Tage auf beiden Seiten - flankiert von der Blogosphäre - ausduelliert wurde. Nach allen Regeln der Kunst konnte man hier nachlesen, warum netzeitung vielleicht Ersteres ist, auf keinen Fall aber das, um was es eigentlich geht: Zeitung (im weiteresten Sinne des Mediums).

Die Arroganz der Stunde bringt es mit sich, daß man jetzt einmal die Augen schließen kann und den Text von Frank Patalong in die gleiche Reihe stellen kann. Ich begreife Franks Text als wichtigen Impuls für Wikipedia und darüber hinaus noch als hochkomprimiertes Geständnis des Zustandes eines ganzen Mediums, das bis heute noch nicht zu sich selbst gefunden hat. Vielleicht kann es hier ein wenig helfen, sich einmal den SpOn-Text genauer anzusehen, um ein wenig Material für Küchentischpsychologie zu haben. Später dazu mehr.

[Bearbeiten] "Wiki-News: Und noch ein Blog..."

Grundlage ist die Version des Frank Patalong-Texte, wie er am 6.12.2004 gegen 13:30 Uhr online zur Verfügung stand. Laut Timestamp ging der Artikel gegen 12:33 Uhr online. Es ist auf spiegel.de keine Artikelhistorie einsehbar, die Korrekturen in dieser Zeit auflegt. Gegen 18:10 war gegen Ende des Textes (wohl auf Emails der Leserschaft hin) folgender Satz hinzugefügt: Als Seitenbetreiber wird Jimmy Wales von der Wikimedia Foundation Inc. in Florida ausgewiesen..

[Bearbeiten] Formale Aspekte

Der Text von Frank Patalong verteilt 8752 Zeichen über knapp 20 Absätze. Durch Zwischenüberschriften sind drei Teile erkennbar.

[Bearbeiten] Inhalt

Frank Patalong spannt einen großen Bogen und knüpft erste Beziehungen zu den Utopien und Visionen der letzten Netzgenerationen. Auf wenigen Zeilen werden die Buzzwords der Mediendiskurse angerissen: Brechts Radiotheorie, die Aufmerksamkeitsökonomie und Personalisierung von Inhaltsdarreichungen. Wikinews sei direkter Ausfluss dieser Visionen. Es folgen nun einige Auszüge aus dem editorialen Text der Wikinews-Startseite, der mehr oder weniger auf dem Text "Das erste Jahr" von mir basiert. Eingebettet werden die Zitate in das Deutungskonstrukt, die Zaghaftigkeit der Zeilen lägen in der Schwierigkeit der Aufgabe begründet. Der nächste Absatz reisst kurz ökonomische Rahmenbediungen an, wie sie eine nicht näher bezeichnete Gruppe von 'solchen Angeboten' unterlägen: Die Unfähigkeit zur Bezahlung und die Kompensation durch die Kraft der ehrenamtlichen Arbeit. Eingeschoben ist nun ein Zitat von Brecht ohne nähere Fundstelle mit dem Entstehungs- oder Publikationsjahr 1932. Nun kommt der kurze Abriss der Mechanismen des als professionell bezeichneten Journalismus, eine kurze Wertung zu ihrer Sinnigkeit und die Überleitung zur Darstellung der Aktivitäten in Weblogs. Als Beispiel nennt der Autor einen wahrgenommenen Verlust der Relevanz der Blogger im Wahlkampf in den USA im Herbst 2004. Dan Rather wird nicht erwähnt.

Im zweiten Teil ("Alles, was sonst") geht kurz auf die wahrgenommenen Eigenschaften der wikipedia ein, auf die im Editorial genannten Pläne und den gegenwärtigen Zustand.

[Bearbeiten] Errata

  • Wiki-News: Zu den Grundfertigkeiten eines Journalisten dürfte wohl das korrekte Benennen von Dingen zählen. Genauso, wie Frank eben Patalong und nicht Pata-long heisst, gibt es keinen vernünftigen Grund, den selbstgewählten Projektnamen unter das Worttrennungsskalpell zu zerren. Wenn er es dennoch tut, darf man nach Motiven oder Ursachen fragen. Siehe Grundfertigkeit.
  • noch ein Blog: Angenommen, ich fange an, Spiegel-Online als dpa-Mülleimer zu bezeichnen, dann unterschlage ich zuerst, daß zwischen dpa und Spiegel-Online wohl nur vertragliche Beziehungen zur Lieferung von Content bestehen. Ich abstrahiere also die Eigenschaften von dpa und einem Mülleinmer und postuliere eine Gemeinsamkeit, die einen Bezeichnungswechsel erlauben. Das Satireblatt Titanic macht das mit "Birne" und einem gewissen "Hessen-Hitler" so. Patalong bezeichnet ein Wiki als Blog. Das ist entweder ein rhetorischer Kunstgriff oder ein Hinweis darauf, daß jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Siehe Grundfertigkeit.
  • Nach den Bloggern machen nun von jedermann verfasste Wiki-News den professionellen Medien Konkurrenz: Homefucking kills prostitution. Da dieser erste Absatz nicht zwingend von Patalong stammen muss, ist es böse, sich schon so früh über ihn herzumachen. Es bleibt mal wieder ein kleiner Seufzer und die Frage, woher diese Idee mit der Konkurrenz stammt. Dass man offenbar nicht anders denken kann, zeigt sich schon bei der Berichterstattung über Wikipedia vs. Brockhaus, die ohne das K-Wort nicht auskommt.
  • mit bisher wenig überraschenden Ergebnissen.: Weasel word "bisher". Wikinews ist (ohne jetzt Exklusivität oder Ruhm an mich reissen zu wollen, das wäre idiotisch) mein Baby und ich stelle mir gerade vor meinem inneren Auge die Szene vor, in der ein Henri Nannen in den Kreißsaal tritt und der jungen Mutter des frisch geschlüpften Frank erklärt, daß die journalistische Leistung lachhaft und der Geburtsschrei vermutlich eine Urheberrechtsverletzung sei. Erwähnter Frank, der ja offenbar das Editorial als Textsteinbruch nutzen konnte, ist hier ein wunderbarer Erfüllungsgehilfe meiner teuflisch genauen Vision, tappte er schließlich in die allererste Fallgrube im Text.
  • geschaffenen Betatest der Newsseite der Wikipedia: Grundfertigkeit, die dritte. Ich hätte es ihm ja so gerne erklärt. Wikipedia ist ein Projekt von Wikimedia. Wikinews ist ein Projekt von Wikimedia. Wikinews ist keine Newsseite der Wikipedia. Die Newsseite der Wikipedia heisst w:Aktuelle Ereignisse. Dass die Blogger das nicht hinbekommen, ist doch kein Grund, sich mit ihnen zu solidarisieren, oder?
  • Seit Anfang Dezember will die Wiki-Gemeinde nicht nur Enzyklopädie schaffen: Grundfertigkeit, die vierte. Dem Pata longen Schlauch, auf dem er steht, kam die Aufgabe zu, so gut wie alle Wikimedia-Projekte der letzten Jahre zu ignorieren. Wikisource, Wiktionary, Wikiquote, Wikibooks. Wenn man jetzt ein Grundfertigkeit 5 aufmachen will: "Wiki-Gemeinde" ist sowas wie der Offenbarungseid in Reinstform, den damit holt man so ziemlich alle Projekte ins Boot, die seit Cunninghams erster Seite ins Land gegangen sind. Sogar das heise-Wiki :)
  • sehr gut verlinkt. Allerdings nicht wie angedacht mit den eventuell in den Tiefen der Wikipedia verborgenen Schlüsseln zum Verständnis des Nachrichtenhintergrundes, sondern mit den eigentlichen Quellen der Nachrichten . Ich schäme mich. Ich habe sinnlos das Wort Offenbarungseid verheizt, noch bevor ich zu den richtigen Perlen kam. Dass Spiegel-Online Probleme hat, Quellen zu nennen, ist durchaus gut dokumentiert. In jüngerer Zeit hat man sich nun darauf besonnen und darf auch verstärkt Links im Fließtext setzen. Bevorzugt über ganze Absätze und auf eigene Artikel, aber he!, wir haben ja alle mal klein angefangen.

[Bearbeiten] Refutation

Es gibt in der Tradition der rhetorischen ABC-Kriegsführung das Konstrukt der ungefragten Widerlegung. Wenn man schon nicht widerlegen kann, daß Gerhard Schröder Bundeskanzler ist, so unterstelle man ihm den Anspruch, Jesus zu sein und widerlege ihn dann mit einfachsten Mitteln. Und weil er nicht Jesus ist, hat er unrecht und darum hat man selbst recht. Das war jetzt grob verkürzt. Faszinierend jedoch bleibt, daß es funktioniert. Die komische Truppe rund um w:Peter Duesberg hat das mit ihrer HIV-Konspiration zur Perfektion gebracht und Frank hat da auch ein paar Anleihen. Mit großen Pauken und Trompeten und Radiotheorielalala anfangen ist so eine Sache. Schaut, wie groß ihre Ideen sind, schaut, wie klein ihre Praxis ist.

Nur für einige Sekunden kann man bei Patalong die Verwirrung spüren, daß eben das Wikinews-Editorial aus diesen ersten Tagen nicht mitmacht bei dem Hype. Huch, ist es etwa nicht unser Anspruch, innerhalb von wenigen Jahren, ach was!, Monaten!, Spiegel, Welt und wie diese old-economy-Dinosaurier alle heißen, mal eben kurz in die Versenkung zu schicken? Kein jugendlicher Hochmut über die zu bewältigende Arbeit? Patty hat eine Chance verpasst, noch die Kurve darin zu bekommen, wie ein gewisser Teil der Wikimedianer sich selbst sieht.

Einer der spannendsten Lernprozesse dürfte wohl noch einsetzen, nämlich sowas wie ein Solidaritätsgefühl mit dem Bibliographischen Institut & F.A. Brockhaus. Letztere wird zwar jetzt nicht Enzyklopädisten zu den Pressesprechern der Zeitungsverlage schicken und sie nach dem zu erwartenden Tag des Ablebens fragen. Genausowenig wird es Interviews mit Vorständlern bei G+J und ASV geben, die zugetextet werden mit Fragen wie "Wie sehen sie wikinews?" oder (für die Veteranen) "Sehen Sie wikinews als Konkurrenz und Bedrohung?". Wikipedia hat für JournalistInnen durchaus einen gewissen sex appeal, ist es doch (in diesen schweren Zeiten muss man das zuerst anbringen) kostenlos und (in diesen schweren Zeiten muss man das ebenfalls erwähnen) einfach zu bedienen. Dazu gehört natürlich noch ein gewisses Underdog-Image, die eigene Unfähigkeit, die Qualitäten einer Enzyklopädie überhaupt bestimmen zu können und die gewisse Prise Unfähigkeit bei den PR-Vertretern der (man hätte es halt gerne so) Konkurrenz, einigermaßen vernünftig zu antworten. Die Episode mit dem "Daniel Rettig-komm-mal-her-und-bebilder-doch-mal-bitte-diese-Wikipedia-Liste" hatten wir schon, aber man könnte jetzt auch noch das Beispiel mit ddp anbringen, das relativ frisch ist. Vorlage und Anwendung. Solange der ausformulierte Informationsfluss genau in diese Richtung lief, war das offenbar weitaus unproblematischer aus Sicht von SpOn et al.

Frank redet und erzählt und schwadroniert fleissig über die strukturellen Probleme der Weblogs bei der Erstellung von allem, was nicht Kommentar ist, daß er wohl nicht mehr so ganz mitbekommt, wie sein Text zum Blog gerät. 1. Person (plural = wir professionellen Journalisten), meinungsschwanger und wild quer durch die Themen hüpfend. "Noch ein Blog", der Titel seines Textes, bekommt so eine sehr spezielle Bedeutung.

Probleme oder Grenzen der Weblogs? Doch nicht etwa jene süßen drolligen Allzweckmittel, die in den letzten Monaten so schön als Themenfutter herhalten konnten?

International 06.12.2004 SPIEGEL's Daily Blog: Islamic Militants Attack US Consulate (...)
manager magazin 17.11.2004 Blogging: Fluglinie feuert Stewardess wegen angeblich obszöner Fotos
Wirtschaft 17.11.2004 "Obszönes" Web-Tagebuch: Delta Airlines feuert "Königin des Himmels"
Netzwelt / Technologie  20.09.2004 Therapie per PC: Bloggen gegen Alzheimer?
Netzwelt / Netzpolitik 28.07.2004 US-Wahlkampf: Blogger als Berichterstatter?
Netzwelt / Netzkultur 12.07.2004 Blogtalk 2004: Stell dir vor du bloggst und keiner macht mit
Netzwelt / Netzkultur 21.06.2004 Phlow.net: Magazin im Blog-Pelz
Netzwelt / Netzkultur 08.06.2004 Japan: Blogging macht berühmt
Netzwelt / Netzkultur 13.05.2004 Weblog aus Riad: Hinterm dunklen Vorhang
Netzwelt / Netzpolitik 06.05.2004 Zensiert, verhaftet, exiliert: "In meinem Weblog fühlte ich mich frei"
Netzwelt / Netzkultur 16.06.2003 "Mikro-Journalismus": Die Koalition der Willigen
Netzwelt / Technologie  20.05.2003 Audio-Blogs: Stimmen aus dem Web
Netzwelt / Netzkultur 25.03.2003 Warblogging: Ganz andere Kriegsnachrichten 
Netzwelt / Netzkultur 29.08.2002 Online-Tagebücher: Die Blogger vom Times Square

und viele Treffer mehr. Man könnte schon fast wieder annehmen, hier schließe sich ein Kreis wieder zurück zur ungefragten Widerlegung. Packe dein Gegenüber mit allen möglichen Ansprüchen zu, lass ihn daran scheitern und sei dann enttäuscht. Im US-Wahlkampf sank der Stern der Blogger rapide, nachdem einige einflussreiche Blogger wegen Verbreitung diverser Fehleinschätzungen und Falschmeldungen am Pranger standen.. Yeah. Right. Hier kann ich endlich die zweite Klammer von oben dichtmachen, die von Dan Rather, as seen on rathergate. Patty, lass uns über sinkende Sterne während des US-Wahlkampfes reden. Und über pyjamas.

Pyjamas kann man auch runterlassen. Einfacher sogar als andere Hosen, da hier meistens ein Gürtel fehlt:

Ansonsten hänge auch Spiegel Online, so Patalong, "am Tropf der Agenturen". Betrachte man einmal die Monotonie der Meldungen in den Google News, so werde klar, dass hier eine ganze Branche "kollektiv die Hose herunterlässt". Patalong im Oktober 2004 in Frankfurt

Die anderen Zahlen kann man sich aus dem Text suchen. 80% Agenturmeldungen, 20% eigencontent. Das nennt man dann "Exklusiv", zum Beispiel erwähnte wikipedia-Liste. Unbedingt empfehlenswert ist auch eine Präsentation von Jochen Wegner mit einigen Wikipedia-Referenzen.

Hm, man könnte jetzt die große Vereinigungstheorie versuchen - und durch den Simplifizierungsfilter jagen: Eine Medienbranche, der es auch schon einmal besser ging und die den Sprung aus den tiefroten Zahlen dadurch geschafft hat, daß sie den Wasserkopf Journalismus gestrichen hat, von ein paar Feigenblättern abgesehen. Eine Branche, die feststellt, wie illoyal doch eigentlich die Kunden sind und wie zerrüttet das eigene Verhältnis zum Internet ist. Eine Branche, die zwar mit individuellen Zuschriften leben konnte, aber nicht mit der kollaborativen Intelligenz eines Blogmobs. Eine Branche, die nun so langsam Tendenzen sieht, Texte auf eine andere Weise zu produzieren. Und die Tendenz des Auditoriums, sich darauf einzulassen.

Man könnte die Vereinigungstheorie auch aufschreiben und hätte dann ein Dokument des Größenwahns, in dem unterschwellig das "Frank, komm zu uns, solange du noch kannst" mitschwingt.

Im Moment würde mir jedoch ein kontinuierliches, ehrliches und aktives Monitoring durch die geschätze Kollegenzunft reichen.

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